Von wegen Datenwolken, von wegen kabellos. Unser Internet ist weniger luftig, als wir denken. 99 Prozent unserer Informationen verlaufen durch Glasfaserkabel im Ozean. Sabotage? Abhorchen? Terror? Nirgends sind wir verletzlicher als im Meer.

 

Unsere Welt wird virtueller. Handys, Tablets und Laptops kommunizieren über WLAN und Funkwellen. Fotos, Mails und Videos werden in Datenwolken gespeichert. Wie von einem Mückenschwarm sind wir allzeit von Daten umgeben, die sich mit Apps einfangen lassen. Kein Wunder, dass vom Internet als einer flüchtigen, entstofflichten, eben virtuellen Welt gesprochen wird. Doch das Virtuelle ist nur ein winziger Ausschnitt einer viel größeren Wirklichkeit. Schon am Router im Arbeitszimmer oder am nächsten Funkmast endet die Drahtlosigkeit. Von dort aus reisen Mails und alle anderen Daten in Kabeln rund um die Erde zu ihren Empfängern. Die meiste Zeit rauschen sie dabei durch Glas­faserleitungen am Grund der Ozeane. Aber wer denkt beim Thema Internet schon an Seekabel? Hartnäckig hält sich die Vorstellung, das Internet sei auf Satelliten angewiesen. Dabei wird gerade einmal ein Prozent aller Daten von diesen Trabanten übertragen (anderen Berechnungen zufolge drei bis vier Prozent).

Seekabel bilden die Nervenstränge unserer digitalen Gesellschaft. Ohne sie gäbe es die markantesten Formen des Kapitalismus nicht. 2012 berechnete die Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft, dass der Datenverkehr durch die Seekabel einem Transaktionswert von zehn Trillionen US-Dollar entspricht – und zwar täglich. Aufgrund der Seekabel können Unternehmen ihre Arbeitsprozesse auf verschiedene Kontinente outsourcen und Mitarbeiter von überall her in die täglichen Geschäfte einbinden. Schon vor Jahren kommentierte der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke unsere Abhängigkeit von dieser Technik mit dramatischen Worten: Wenn das globale Seekabelnetz zerrisse, dann versiegten die Finanzströme nicht langsam, sondern rissen plötzlich ab. Dass damit ein globales Chaos ausgelöst würde, musste er nicht weiter ausführen.

Ohne Seekabel gäbe es weder Facebook noch Twitter, weder Instagram noch Skype. Der Arabische Frühling wäre anders verlaufen. Flashmobs müssten erst noch erfunden werden. Und der Vertrieb von 3D-Fernsehserien bliebe ein Zukunftstraum. Seekabel machen unsere Welt zu dem viel ­zitierten globalen Dorf.

Rund 220 Seekabelsysteme ziehen sich heute durch die Ozeane (dabei werden oft zwei oder mehr Kabel zu einer Verbindung gezählt). Die längsten Systeme spannen sich über 21 000 Kilometer und damit fast um den halben ­Planeten. Manche tauchen in 8000 Meter Tiefe ab und durchkreuzen Unterwassergebirge. Die stärksten Trassen, die etwa auf der Website submarinecablemap.com zu sehen sind, liegen zwischen Europa und Nordamerika sowie zwischen Nordamerika und Japan. Auf der Karte sieht es fast so aus, als sollten die Seekabel eine weitere Kontinentaldrift verhindern. Und während in der Karibik eine Art Spinnennetz zu hängen scheint, baumeln an den Küsten aller Erdteile – mit Ausnahme der Antarktis – riesige Girlanden. Mittlerweile sind auch mehr als drei Dutzend afrikanischer Küstenstädte an die Datenströme angeschlossen.

Das Internet "ist viel eher verdrahtet als drahtlos", berichtet die US-Forscherin Nicole Starosielski, die zu Orten reiste, an denen die Seekabel ins Meer verlaufen. Am Ufer ist meist nur ein unscheinbarer Gullydeckel mit einer kryptischen Aufschrift zu erkennen. Darunter zieht sich das gerade einmal armdicke Seekabel durch einen Schacht ins Meer. An vielen Küsten sind die Kabel aus Angst vor Sabo­tage einige Meter tief eingegraben. Auf ihren Reisen um die Welt ist der Forscherin aufgefallen, wie sehr die globale Struktur den verbreiteten Vorstellungen vom Internet widerspricht: Die Struktur ist unerwartet unlogisch und komplex. So führen die meisten Strecken nicht etwa über Land, sondern befinden sich unter Wasser – und dort nehmen sie erstaunliche Umwege. Viele Internetknotenpunkte liegen darüber hinaus nicht in urbanen Zentren, sondern am Rand abgelegener Dörfer oder auf kleinen Eilanden.

Die Struktur des Internets lässt sich nicht logisch erklären, sondern ist durch die Zeit des Kolonialismus bedingt. Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten die Engländer, dass sich aus dem Saft eines Laubbaums, der in ihren ost­asiatischen Kolonien wuchs, die gummiartige, wasserabweisende Substanz Guttapercha gewinnen lässt. Darin eingehüllt, konnten die kupfernen Telegrafenkabel wirksam vor Salzwasser geschützt werden. Schon bald wurden Seekabel von Großbritannien aus über Tausende Kilometer bis zu den Kolonien gezogen. London wollte Befehle in kürzester Zeit nach Indien und Fernost telegrafieren können. Und weil auf erfolgreich in Betrieb genommenen Strecken immer wieder neue Kabel gezogen wurden, sitzt das Königreich bis heute wie eine Spinne im globalen Datennetz – das deshalb auch problemlos vom Geheimdienst angezapft werden kann ...

 

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