Foto: Jan Windzus

 

Dirk Liesemer arbeitet als Journalist und Buchautor und schreibt über Geschichte, Natur und Gesellschaft. Seine Themensuche ist meist alles andere als zielgerichtet: Er schweift umher, bis er über etwas Unerwartetes und auf den ersten Blick eher Nebensächliches stolpert. Seine Texte sind in zahlreichen Publikationen erschienen, darunter in mare, GEO, P.M. History, im Reportageressort des Focus, im Feuilleton der F.A.Z., in SPIEGEL Geschichte und Free Men's World.

2016 kam sein »Lexikon der Phantominseln« heraus, das ins Chinesische und Englisch übersetzt wurde. Es handelt davon, wie sehr wir Menschen unser Weltbild verteidigen, selbst wenn es fehlerhaft ist. Spannender als eine Entdeckung ist deshalb die Entlarvung eines weithin akzeptierten Trugschlusses.

2018 erschien der »Aufstand der Matrosen«; darin werden die entscheidenden zwei Wochen der Novemberrevolution aus zahlreichen Perspektiven geschildert. Es geht um Menschen wie Lothar Popp, Karl Artelt und Carl Richard Linke, die hierzulande jahrzehntelang zu Unrecht als Verräter galten.

Seit Juli 2020 liegt das Reportagebuch »Streifzüge durch die Nacht« aus: Ein Jahr lang hat sich der Autor immer wieder aufgemacht, um die Dunkelheit zu erforschen. Eine Malerin zeigte ihm die Farben der Leipziger Nacht, ein Geräuschekünstler wies ihn auf die Sounds im schlafenden Zürich hin, vor allem auf die unzähligen Brunnen, und einer »Erinnererin« folgte er im Dunkeln auf einen verschneiten Berg im Allgäu. Was er auf seinen Touren lernte: Die Nacht ist viel facettenreicher und sinnlicher, als er bis dahin gedacht hatte.

Aktuell arbeitet er an einem Roman, der im 19. Jahrhundert in Süditalien spielt. Das Buch wird voraussichtlich im Herbst 2021 im mareverlag erscheinen.

Geboren 1977, aufgewachsen in Feldrom, einem Dorf in Lippe, Nordrhein-Westfalen, Vater Seefahrer (>> Text lesen) und Antiquitätenhändler, Mutter Künstlerin. Jugend auf dem Bolzplatz, an Kletterfelsen und vor dem Kassettenspieler verbracht – derzeitig ganz vorne: Mayra Andrade, Bill Evans, Hindi Zahra, Soha, Ketil Bjørnstad, Beata Söderberg, Richard Galliano, Sting, Buika, Karima Nayt, Anouar Brahem, Lenny Kravitz und Mariana Ramos. Erst Waldorfschule, später Grabbe-Gymnasium in Detmold, unvergessene Nächte auf Funk-Konzerten in der Alten Pauline. Ein Jahr in Australien; Zivildienst in einer allgemeinpsychiatrischen Akutaufnahme in Münster.

Er hat Politik, Philosophie und Öffentliches Recht in Münster und ein Erasmusjahr lang in Rennes, Frankreich, studiert. Erste, tapsige Zeitungspraktika in Bremen, im Wendland und in Berlin. Dann Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg mit einem Abstecher nach Dresden zur Sächsischen Zeitung, anschließend unter anderem Redakteur beim Freitag in Berlin und beim Magazin natur in München, redaktionelle Mitarbeit auch bei Gehirn und Geist, P.M. History und G/Geschichte. Ferner konzeptionelle und redaktionelle Mitarbeit an den beiden Ausgaben des Magazins SPIEGEL Expedition.

Zuvor, dazwischen, seither und überhaupt die meiste Zeit und am allerliebsten freier Autor, davon gut zwei Jahre aus Leipzig.

Zu Recherchen war er in Tunesien, Weißrussland und Kenia unterwegs, im Kosovo, in der Ukraine, in Georgien und Italien, ferner ist er für eine Reportage per Anhalter über dem Balkan gereist: Kroatien, Bosnien, Montenegro (>> Text lesen). Darüber hinaus hat er für den Verein journalists.network ehrenamtlich drei Recherchereisen durchgeführt: zuerst nach Sibirien, dann kreuz und quer durch Ruanda, zuletzt nach Ghana. Des Weiteren eine aufwändige Koordination mit Budgetverantwortung von Recherchefahrten nach Nigeria, Senegal und Südafrika.

Epauletten, beinah jedenfalls: 2017 Reisebuchpreis: »Lexikon der Phantominseln« (mareverlag); 2017 Shortlist Stiftung Buchkunst Schönste deutsche Bücher: »Lexikon der Phantominseln« (mareverlag); 2012 Nominierung Deutscher Reporterpreis: »Attackiert das Imperium« (mare); 2012 Selected Contributions European Journalism Prize Writing for CEE: »Nordstadt« (F.A.Z); 2012 Shortlist Henri-Nannen-Preis: »Sommer 41« (F.A.Z.); 2008 Matheon-Preis für Mathematikjournalismus: »Das Orakel von London« (ZEIT Wissen).

Die Geschichte, die ihn besonders berührt hat: Siebzig Jahre nach dem Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR folgte er 2011 den Spuren eines Panzersoldaten durch die Ukraine. Er orientierte sich an dessen Tagebuch und traf vielerorts noch Menschen, die sich an jenen Sommer 41 (>>Text lesen) erinnern konnten und oft zum ersten Mal überhaupt davon erzählten. Niemand hatte sie bis dahin gefragt.

Gern gelesen: Kamel Daoud »Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung«, Mercè Rodoreda »Der Garten über dem Meer«, Herta Müller »Atemschaukel«, Jenny Erpenbeck »Aller Tage Abend«, Petri Tamminen »Meeresroman«, György Konrád »Melinda und Dragoman«, Arkadi Babtschenko »Die Farbe des Krieges«, Georg Büchner »Lenz«, Nikos Kazantzakis »Alexis Sorbas«, Christoph Ransmayr »Die letzte Welt«, Guy de Maupassant »Auf See«, Daniel Kehlmann »F« und »Die Vermessung der Welt«, Wolfgang Büscher »Berlin - Moskau«, Stefan M. Maul »Das Gilgamesch-Epos«, Saša Stanišić »Vor dem Fest«, Friedo Lampe »Septembergewitter«, Sarah Bakewell »Das Café der Existenzialisten«, M. Agejew »Roman mit Kokain«.