Aufstand der Matrosen

Novemberrevolution 1918: Zwei Wochen, die Deutschland für immer veränderten

Aufstand der Matrosen, Novemberrevolution 1918, Norbert Lammert, Kiel, Wilhelmshaven, Karl Artelt, Lothar Popp, Karl Liebknecht, Richard Stumpf,

Mit diesen Stimmen wird eine kurze Zeitspanne lebendig, voll Spannung, Ungeduld und Erwartung, die nicht nur historisches Interesse verdient, sondern deren Nachwirkungen bis in unsere Gegenwart reichen.

Aus dem Vorwort von Norbert Lammert

Von der Nordsee in den Reichstag

Es braut sich etwas zusammen in diesem Herbst 1918. Nach mehr als vier Jahren Krieg haben die Menschen es satt: das Kämpfen, das Hungern, das Sterben. Die alte Ordnung ist längst in Unordnung geraten. Der militärische Zusammenbruch steht unmittelbar bevor.

Und doch flüstert man auf den großen Kriegsschiffen vor der deutschen Küste von einem letzten großen Plan, die deutsche Flotte in eine alles entscheidende Schlacht mit England zu schicken. Aber unter den Matrosen, die nun fürchten müssen, in einem sinnlosen Kampf verheizt zu werden, regt sich Widerstand.

Auf eindringliche Weise wird in diesem Buch erzählt, wie sich gehorsame Soldaten in »Sturmvögel der Revolution« verwandelten, wie aus einem Matrosenaufstand eine landesweite Novemberrevolution wurde, die Deutschland für immer veränderte.

Es geht um Matrosen und Hafenarbeiter wie Richard Stumpf, Lothar Popp und Karl Artelt, um mutige Frauen wie Cläre Casper und um berühmte Zeitgenossen wie Friedrich Ebert, Käthe Kollwitz, Harry Graf Kessler, Rosa Luxemburg, Joachim Ringelnatz, Katia und Thomas Mann – nicht vergessen werden dabei die Gegner der Novemberrevolution.

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Ausgewählte Passagen

Montag, 28. Oktober, Wilhelmshaven

Als das Ende absehbar wird, flüstern sich die Matrosen die letzten Neuigkeiten zu, geben sie von einem zum anderen weiter, verbreiten sie oben an Deck, unten in den dunklen Kasematten und beim nächsten Besuch an Land. So gelangen die Neuigkeiten von Schlachtschiff zu Schlachtschiff, bis Zehntausende Seeleute sie gehört haben. Manches klingt erlösend schön. Kürzlich hieß es, der Kaiser sei tot. Er habe Selbstmord begangen. Die Matrosen lächelten. Die Heizer nickten sich zu. Aber es war nur ein Gerücht. Ein anderes Mal wurde verbreitet, der Generalfeldmarschall sei kindisch geworden. Heute Nachmittag ist zu hören, dass eine feindliche Flotte auf Helgoland zusteuert. Sogar Offiziere hört man raunen, dass 150 britische und amerikanische Kriegsschiffe die Nordseefestung einnehmen wollen.

Jahrelang hat der Matrose Richard Stumpf eine Seeschlacht herbeigesehnt. Jetzt beobachtet er von Bord der Wittelsbach aus, wie die Schiffe der Kaiserlichen Flotte auf einen Seegang vorbereitet werden. Überall hieven Männer massenweise Munition und Kohlen an Deck. Die Schornsteine erhalten orangerote Anstriche, und die Vorgesetzten treten noch zackiger auf als üblich. Gedankenverloren fragt sich Richard Stumpf, ob er die Kriegsschiffe heute zum letzten Mal sieht. Er malt sich aus, wie es wäre, die Feinde zu versenken. Sollte doch noch ein Sieg möglich sein? Es sind kurze, rauschhafte Vorstellungen. Nach so langer Zeit des Wartens hat er nicht mehr mit einer Seeschlacht gerechnet. Endlich kann die Flotte dem ganzen Land beweisen, dass sie nicht nur im Hafen schläft. Wenn sie siegten, meint er, machte sich niemand mehr über die Seeleute lustig.

Bereits vor dem Krieg hatte sich Richard Stumpf freiwillig zur Marine gemeldet. Er suchte das Abenteuer und wollte die Welt erobern. Es ist ein Wunsch, den er früh hegte. Als Jugendlicher ist er mal von seiner Heimat in Oberfranken bis nach Südtirol gewandert. Nach einer Lehre als Zinngießer heuerte er auf einem Kriegsschiff an. Und als Deutschland in den Krieg zog, jubelte er. Statt zu Seeschlachten auszurücken, ankerte sein Schiff im Hafen. Reglos verstrichen Tage, Wochen und Monate. Nur ein Mal war die Flotte ausgerückt, zur Skagerrakschlacht. Aber die dauerte kaum vierundzwanzig Stunden, ist mehr als zwei Jahre her und brachte keinen sonderlichen Erfolg. Seither liegen die Schiffe in der Deutschen Bucht fest und sollen die Feinde nur noch von einer Invasion der Küste abschrecken. Über die Untätigkeit war Richard Stumpf oft enttäuscht, verdrossen und zornig. Dachte er an die Soldaten in den Schützengräben, jammerte er: »Unsere Kameraden liegen wohl auch draußen im Dreck bei Sturm und Wetter, aber die wissen wenigstens warum. Wir aber nicht!«

Anfangs sah Richard Stumpf in den Schiffen lebendige Wesen. Er dichtete ihnen eine Seele an und glaubte, dass sie in »jeder Niet, jeder Planke, jedem Schräubchen lebt und webt«. Einmal, als sein Kriegsschiff von einem Vorstoß aufs Meer zurückkehrte, sah er von Deck aus zu den anderen Schiffen der Flotte hinüber und erkannte überall »äußerst erschöpfte Kampfestiere«, die »in den Stall zurücktrotten«. Als die Liegezeiten im Hafen immer länger wurden, sich über Monate bis ins offen Unendliche hinzogen und er sich mit der alltäglichen Routine des Zeittötens abgefunden hatte, kamen ihm die Schiffe nur noch vor wie nutzlose, Kohlen fressende Ungeheuer. Er fühlte sich in ihrem dunklen, muffigen Innern eingesperrt. »Unser aller Gefängnis«, hielt er nach einem Heimaturlaub in seinem Notizheft fest und haderte damit, dass er seine Familie bereits nach zwei Wochen wieder hatte verlassen müssen. Zurück in Wilhelmshaven, dachte er bloß: »Da ist nun wieder diese Welt von Eisen und Wasser, jetzt musst Du wieder vergessen, dass Du Mensch bist.« …

Sonntag, 3. November, Berlin

In den Zeitungen steht bislang nichts von der Meuterei der Matrosen vor Wilhelmshaven. Die Zensur unterdrückt alle Berichte der Korrespondenten. Nur Offizielles darf gedruckt werden. Aber von der Förde treffen erste Matrosen am Bahnhof Friedrichstraße ein. Einige haben Urlaub, andere sind abkommandiert worden. Ein Matrose betritt ein Gebäude in der Köpenicker Straße, wo Verschwörer um Karl Liebknecht beisammensitzen. Der Matrose berichtet von der Meuterei an der Wasserkante und will wissen, was die Mannschaften denn nun tun sollen. Liebknecht und die anderen sind überfragt. Sie sollten halt rote Fahnen hissen und sofortigen Waffenstillstand fordern. …

Freitag, 8. November, München

Katia Mann und ihre Kinder nutzen den Nachmittag, um die Speisekammer auszuräumen. Sie verstecken einen großen Teil der Vorräte in verschiedenen Räumen des Hauses. Aber sie sind auf Engpässe vorbereitet: Von der Bäckerin haben sie Brot für zwei Tage erhalten, und sie besitzen zudem reichlich Mehl. Solange es keine Plünderungen gibt, sollte alles gut gehen. Vorhin hat sich Katia Mann an der Isar mit einem jungen Radler unterhalten. Der erzählte ihr, dass er als Koch im Bahnhofsrestaurant arbeite. Allerdings seien in der vergangenen Nacht die Kühlräume und der Weinkeller vollständig geplündert worden, weshalb er nun nichts mehr zu tun habe.

Auch in der Stadt sind Läden überfallen worden. »Raub im Kaufhause Tiez«, hält Thomas Mann fest und ergänzt: »Sturm der Weiber auf ein Pelzgeschäft.« Immer wieder hört er Schüsse knallen und ein dumpfes Poltern, das er nicht deuten kann. Während Frau und Kinder weiter Vorräte verstecken, liegt der Schriftsteller angekleidet auf der Chaiselongue und fühlt sich unwohl: »Dumpfer Schnupfenkopf, Rückenschmerzen, Bronchialkatarrh.«

Er denkt noch eine Weile über den Aufstand nach. »Die Revolution wird durch trockenes Frostwetter begünstigt. Die Sonne dringt durch. Wenn es in Strömen regnete, würden die Ereignisse wohl stocken«, schreibt er ins Tagebuch und formuliert, als hätte er beiläufig ein Naturgesetz entdeckt: »Übrigens wird die Revolution im Augenblick ihrer Verwirklichung konservativ. Der Extremismus ist dann das Präventiv und Schutzmittel gegen das, was über das Extrem hinaus geht, das Chaos.« ...

Matrosenaufstand 1918, Novemberrevolution, Buch von Dirk Liesemer

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