Meine zehn Tipps für eine perfekte Nachtwanderung 2022

Nachtwanderung auf Rügen mit Blick zum Mond

Autor: Dirk Liesemer

Mein Buch Streifzüge durch die Nacht kam 2020 bei Malik heraus. Von einer "Zeitreise der anderen Art" schrieb die Welt am Sonntag und das Magazin natur urteilte: "Ein schönes Lesebuch für freie Abende, das man am liebsten unterm Sternenhimmel lesen möchte."  Während der Recherchen habe ich folgende Erfahrungen auf zahlreichen Nachtwanderungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gewonnen. Die Tipps sind nicht vollständig, und jeder möge selbst entscheiden, welche er hilfreich findet. Diese Seite ist im Aufbau und wird nach und nach verbessert und ergänzt.

1. Keine Angst vor der Dunkelheit

Eine Nachtwanderung ist kein Krimi oder gar Horrorstreifen. Auf meinen Streifzügen bin ich sehr selten anderen Menschen begegnet und diese waren dann oft selbst überrascht. Keine dieser Begegnungen war zum Fürchten.

Trotzdem sind Ängste vor der Dunkelheit tief in uns verankert. Zum einen sind wir von Filmen und Erzählungen geprägt. Gruselige Szenen spielen meist in dunklem, unübersichtlichem Setting. Zum anderen sieht man nachts schlechter, und es sind nur wenige andere Menschen unterwegs.

Deshalb: Ruhig zusammen mit Freunden die Nacht erkunden, in einer bekannten Region beginnen und in der Blauen Stunde aufbrechen oder einmal in aller Ruhe auf einer Decke in einem Park die aufziehende Dunkelheit beobachten.

Ich hatte vor allem in der kalten Jahreszeit draußen meine Ruhe. Selbst im Englischen Garten in München ist zu früher Abendstunde nahezu nichts mehr los.

2. Wie man nachts Augen, Tastsinn und Nase einsetzt

Spätestens nach einer halben Stunde haben sich die Augen selbst an die tiefste Finsternis gewöhnt. Es sollten dann schemenhaft Wege und Bäume erkennbar sein. Manchmal kann man sogar einzelne Grüntöne voneinander unterscheiden.

Eine Taschenlampe ist hilfreich, aber sie zerstört den Zauber. Und alles, was nicht ausgeleuchtet wird, wirkt umso schwärzer und bedrohlicher. Deshalb hatte ich nur für Notfälle oder für Einstellungen an meiner Kamera eine Lampe dabei.

Wer nachts ohne künstliches Licht umherläuft, merkt bald, dass er langsamer unterwegs ist. Man geht vorsichtiger, bedächtiger und achtet mehr als tagsüber darauf, ob der Boden unter den Füßen eben oder wurzelig, hart oder weich ist. Um nicht umzuknicken: feste Schuhe, im Gelände und in den Bergen auch Stöcker.

Man sollte seiner Nase vertrauen: Riecht man Liebstöckel (Maggi), sind Wildschweine nicht fern, was selbstverständlich auch tagsüber gilt. Penetrante Gerüche hinterlassen Füchse, vor denen man aber keine Angst haben muss.

3. Wann und wo es wirklich dunkel wird

Viele Nächte sind erstaunlich hell, vor allem bei Vollmond oder in der Nähe größerer Ortschaften mit viel künstlichem Licht. In solcher Umgebung kann man hunderte von Metern sehen. Scheint der Mond, dann wirft man nachts einen Schatten, was einem das Gefühl nimmt, im Dunkeln zu sein.

Sind Wolken am Himmel, wird das künstliche Licht einer Stadt viele Dutzende von Kilometern weit in die Landschaft gestreut, was dort zumindest für eine gewisse Dämmerung sorgt. Stichwort: Lichtverschmutzung.

Tiefste Finsternis gibt es trotzdem noch: im Frühsommer im dichten Laubwald, wenn die Blätter noch jung sind, besonders bei einem bewölktem Himmel, der kein Mondlicht durchlässt. Mithilfe eines Luxmeters lässt sich das Dunkel präzise bestimmen.

Besonders dunkel ist es auch kurz vor Neumond. Unser Begleiter geht erst morgens auf und ist tagsüber am Himmel zu sehen. Sprich: Es ist eine mondlose und daher schön dunkle Nacht. Wann er auf- und untergeht und in welcher Phase er sich befindet, erfährt man auf timeanddate.de unter der Rubrik "Sonne & Mond".

Zu den dunkelsten Regionen in Deutschland zählen der Sternenpark Westhavelland, die Rhön, der Schwarzwald, die Schwäbische Alp, die Elbtalauen, die Nordseeinseln, das Erzgebirge, auch Finsterwald genannt. Auch im südlichen Ruhrgebiet kann es sehr dunkel werden, was mit einer ungewöhnlichen Geländeform zu tun hat, dem sogenannten Ruhrschicht-Rippenland.

In Österreich gibt es seit April 2021 den Sternenpark Attersee-Traunsee und in der Schweiz den Sternenpark Gantrisch.

Alles andere als dunkel ist es in einer verschneiten Landschaft: Winternächte sind zwar ewig lang, aber bei Schnee bleibt es immerzu dämmrig, selbst wenn kein Mond zu sehen ist.

Nice to know: Zündet sich jemand eine Zigarette an, ist das im Dunkeln bis etwa zweihundert Meter weit zu erkennen.

4. Welche Navigationsgeräte braucht man für eine Nachtwanderung?

Mir wurde diese Frage häufiger gestellt, aber ich denke: Es lebe der Minimalismus! Ich hatte bei keinem Streifzug ein Navi dabei, nicht einmal ein Smartphone. Sie blenden und stören damit das Naturerlebnis.

Auch nachts kann man sich an Schildern orientieren. Man läuft allerdings schneller daran vorbei. Um sie lesen zu können, braucht man schon mal eine Taschenlampe.

Ich habe mir meist bereits tagsüber überlegt, wo ich nachts entlanglaufen wollte. Man muss sich konzentrieren, dem Gedächtnis vertrauen und entwickelt ein Gefühl für sein Tempo, für Wegmarken sowie Entfernungen, was man als Erfahrung nicht unterschätzen sollte.

Ja, hin und wieder habe ich mich kurz verlaufen, was den Ausflug aber umso erzählenswerter machte.

5. Wie gefährlich sind wilde Tiere?

Die Angst vor einem Wolf lässt sich nicht zur Seite wischen, schon gar nicht, wenn man nachts durch ein Wolfsgebiet streift, von denen es immer mehr gibt. Zumal klar ist, dass Wölfe besser sehen als Menschen.

Trotzdem: Wölfe sind scheu und die Gefahr einer Attacke gilt in Europa als "äußerst gering", siehe diesen Bericht des Internationalen Tierschutz-Fonds (Stand April 2021). Für den Falle einer Begegnung – ganz gleich, ob tags oder nachts – heißt es dort unter anderem:

Ruhe bewahren und Wölfen die Möglichkeit geben, sich zurück zu ziehen. Wenn man sich unwohl fühlt, kann man sich groß machen, klatschen, die Wölfe bestimmt ansprechen oder rufen, oder sich langsam zurückziehen.

Viel gefährlicher können Wildschweine sein, besonders wenn im Frühjahr die Frischlinge zur Welt gekommen sind. Man erkennt sie am Geruch von Liebstöckel (Maggi), der auch dann noch in der Luft liegt, wenn die Tiere schon wieder fort sind. Es gilt: nicht wegrennen, sondern ruhig zurückweichen.

Auf Nordseeinseln wie Amrum ist man vor Wildschweinen und Wölfen sicher. Wie überall gilt auch dort: Nachts leise sein und auf den Wegen bleiben. Viele Tiere brauchen Ruhe.

6. Zu welche Jahreszeit lassen sich am besten Sterne beobachten?

Viel wichtiger als die Jahreszeit ist das Wetter, wenngleich die Bedingungen im Winter eher besser sind als im Sommer. Dann ist die Luft häufiger klar und wolkenlos.

Wichtig ist wenig Wind, nicht nur am Boden, sondern auch in höheren Atmosphäre, was ebenfalls eher im Winter der Fall ist, wenngleich der Klimawandel einiges durcheinanderwirbelt. Bei viel Wind scheinen die Sterne zu flackern.

Je nach Jahreszeit stehen am Himmel nicht nur bestimmte Sternenbilder, sondern auch Asterismen: Frühlingsdreieck, Sommerdreieck, Herbstviereck und Wintersechseck.

7. Wann sind welche Sternbilder zu sehen?

Der Große Bär und Cassiopeia sind ganzjährig sichtbar, andere Sternbilder tauchen nur zeitweise über dem Horizont auf. Auf der Seite timeanddate.de lässt sich nachschauen, wann welche Planeten aufgehen, welche Meteoriten aufglimmen und welche Sternbilder am Himmel stehen.

Es gibt nützliche Apps wie Sternatlas, Star Walk 2 und Sky View Lite. Am besten kurz vor dem Rausgehen die App aufrufen, drei Sternbilder auswendig lernen und dann draußen danach Ausschau halten. Denn im Dunkeln auf ein Smartphone zu schauen, ist für die Augen unangenehm.

8. Was ist bei der Nachtfotografie zu beachten?

Wer sich auf dieses Geduldsspiel einlässt, erlebt die Nacht ganz neu. Denn die Kamera sieht eine Welt, die sich unserem Auge entzieht. Empfehlen will ich diese Artikelserie auf canon.de.

Meine Tipps für nächtliche Naturfotos nur ganz kurz: Man braucht Windstille, klare Luft, ein Stativ, eine große Blende, eine Spiegelvorauslösung, einen großen Sensor. Für punktförmige Sterne sollte man nicht länger als 15 Sekunden belichten.

9. Carpe noctem

Nutze die Nacht! Klingt selbstverständlich, aber das zu lernen, ist nicht so einfach: Die Landschaft hat keine Farben, wenig Tiefe, nur schwache Konturen, oft ist es still und im Winter fehlen Gerüche, weil nichts blüht.

Man vermisst sinnliche Reize. Anders gesagt: Manch einem kann es schon mal langweilig werden.

Nach einiger Zeit merkt man jedoch, wie sehr man zur Ruhe kommt, viel mehr als bei einem Tagesausflug. Und weil jede Nacht einzigartig ist, sollte man sich immer mal wieder hinauswagen. Ist man allein unterwegs, begegnet man sich selbst, seinen Gedanken und Erinnerungen.

Schon beim ersten Streifzug habe ich gelernt: Nachtwandern ist weniger ein Abenteuer als eine Meditation.

10. Der Nachthimmel 2022


3. Januar: Quadrantiden.
22./23. April: Lyriden.
16. Mai: totale Mondfinsternis ("Blutmond").
12./13. August: Perseiden.
8./9. Oktober: Draconiden.
25. Oktober: partielle Sonnenfinsternis.
13./14. Dezember: Geminiden, vor allem zweite Nachthälfte.
Dirk Liesemer Buch über Nachtwanderung, Sternenhimmel, Plejaden, Sternschnuppen

Abenteuer Finsternis

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