Selten zuvor hat eine Flotte ein solches Wagnis unternommen, und doch ist die Pioniertat kein Aufbruch ins Ungewisse. Am 20. September 1519 sticht Ferdinand Magellan mit fünf Schiffen in See, um die Erde zu umrunden. Im Auftrag des spanischen Königs Karl I. will er nach Westen segeln und von Osten heimkehren. Er wird so für jedermann beweisen, dass unser Planet eine Kugel ist.

Seit Kurzem erst ist bekannt, dass der Atlantik im Westen an einen neuen Kontinent grenzt. Als „America" ist die Landmasse in einer Karte des Geografen Martin Waldseemüller bereits verzeichnet. Von der Karte kursieren rund 1000 Exemplare in Europa. Amerika erstreckt sich darauf von der Arktis im Norden durchgehend bis zum Südpol. Ein Seeweg im Süden Amerikas gibt es nicht, stattdessen aber eine schmale Passage in Mittelamerika, auf Höhe des heutigen Panamakanals.

Doch Magellan orientiert sich nicht an der Karte. Er steuert seine Flotte nicht nach Westen in Richtung Mittelamerika. Seine Schiffe passieren vielmehr die Kapverden und erreichen im Dezember die südamerikanische Küste. Dort kreuzen sie südwärts immer in Sichtweite des noch weitgehend unbekannten Landes. Im Januar 1520 erkunden sie erstmals eine tiefe Bucht, die sich jedoch als Mündungsdelta des Río de la Plata herausstellt. Immer weiter geht es in kalte, karge Gefilde.

Ab Ende März verbringen sie den Winter, der nun auf der Südhalbkugel einsetzt, vor Anker. Erst am 21. Oktober erreicht die Flotte weit im Süden, am 52. Breitengrad, eine spitz zulaufende Landzunge. Im Kirchenkalender ist es der Tag der 11 000 Jungfrauen, gewidmet der heiligen Ursula von Köln. Und so nennt Magellan die Landzunge das Kap der 11 000 Jungfrauen.

Seit mehr als einem Jahr sind seine Schiffe unterwegs. Nun segeln sie in die Passage hinein, die sich bald bedrohlich verengt. „Ohne Wissen unseres Kapitäns hätte man nicht in diese Meeresenge einlaufen dürfen, weil wir alle glaubten, dass sie keine Ausfahrt habe", berichtet Antonio Pigafetta, der mitreisende Chronist. Tagelang kreuzen sie in der Wasserstraße. Stürme zerren an den Segeln. Ein Schiff setzt sich meuternd ab, um nach Spanien zurückzukehren.

Als die Stürme nachlassen, erreicht die Flotte ein unbekanntes Meer, das still vor ihnen liegt. Magellan nennt es Pazifik, den friedlichen, den Stillen Ozean. Jetzt weiß er, dass er recht hatte: Es existiert eine Wasserstraße. Pigafetta verrät: „Aber unser Kapitän wusste, dass man eine besonders verborgene Meeresenge durchfahren musste, weil er sie auf einer Seekarte ge­sehen hatte, die in der Schatzkammer des Königs von Portugal aufbewahrt wurde und die ein ausgezeichneter Kosmograf, Martinho da Boémia, gezeichnet hatte."

Magellan ist Portugiese; eigentlich wollte er für seinen König die Welt umrunden. Er hatte vorgesprochen, verhandelt und durfte wohl die Archive betreten. Doch als sein König ablehnte, verließ Magellan fluchtartig Lissabon. Hatte er in der königlichen Bibliothek eine geheime Karte dieses Martin Behaim, so der deutsche Name, abgezeichnet oder gar gestohlen?

Anfang des 16. Jahrhunderts ist Behaim für seinen „Erdapfel" berühmt: Es ist der erste Globus der Welt, den er 1493 in Nürnberg fertigstellen ließ. Er präsentiert Europa, Afrika und Asien - aber dort, wo Amerika liegt, erstreckt sich ein riesiges Meer mit wenigen mythischen Inseln. Erst Wochen nach der Fertigstellung war zu hören, dass Christoph Kolumbus tatsächlich Inseln im Westen des Atlantiks entdeckt hatte. Aber von einem Kontinent sprach niemand. Und ob Behaim nach seinem Globus überhaupt weitere Karten erstellt hat, ist zweifelhaft. Jedenfalls konnte bis heute keine Karte von ihm gefunden werden, auf der Amerika eingetragen ist.

Viele Karten gingen im Lauf der Geschichte verloren; darunter auch jene Karte von Martin Waldseemüller aus dem Jahr 1507, auf der erstmals der Name „America" festgehalten ist. Von den 1000 Exemplaren, die gedruckt wurden, existiert nur noch ein einziges. Und auch dieses galt als verschollen, bis es 1901 auf Schloss Wolfegg in Oberschwaben auftauchte.

Woher Magellan von einer Passage im Süden Amerikas wusste, ist bis heute nicht geklärt. Am plausibelsten gilt eine Indizienkette, die 1881 der Wiener Geograf Franz Ritter von Wieser präsentierte. Jahrelang hatte er in Archiven geforscht, Karten, Tagebücher und Flugblätter mitein­ander abgeglichen. Seine detektivische Tiefenbohrung legt nahe, dass sich Magellans Chronist Pigafetta schlicht mit dem Namen vertan hatte. ...

 

... die ganze Geschichte findet sich in mare No. 111.

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