An einem Tag im Juni beginnt unsere Reise an einer Ausfallstraße von Zagreb in Kroatien. Die Sonne sticht. Ich schwitze. Erstmals seit Langem halte ich wieder den rechten Arm raus und den Daumen hoch, genauer gesagt zum ersten Mal seit 23 Jahren, als trampen noch eine nicht enden wollende Auszeit vom Erwachsenenwerden war. Es ist später Vormittag, ich fühle mich frei und zuversichtlich, am Abend in Banja Luka, Bosnien, zu sein. Schon das dritte Auto zieht auf den Seitenstreifen. Ein älterer Herr öffnet die Beifahrertür. Sekunden später sitze ich mit Anze, dem Fotografen, der mich begleitet, im Auto eines Fremden. Ivica heißt er, das bedeute "Hans" auf Deutsch. Dann erzählt er von seiner Tochter, die in Neu-Ulm lebt, und von zwei Enkelkindern.

Geht gut los, unsere Anhaltertour über den Balkan. Mein Vater hat auf diese Weise ganz Europa gesehen. Paris, Lissabon, Rom, Athen. Früher ging das offenbar gut. Ich selbst bin zuletzt als Schüler getrampt, zu Konzerten, zum Freibad, einmal quer durch die Republik. Wenn ich heute einen Tramper sehe, nehme ich ihn meist mit. Doch in Deutschland stehen kaum noch welche an der Straße. Ihre Zeit scheint vorbei. Unser Land ist einfach zu gut organisiert, alles ist verbunden durch Busse, Bahnen und Mitfahrzentralen, So sieht es fast überall in Europa aus. Nur Irland und Tschechien sollen noch Paradiese für Tramper sein. Und der Balkan.

Wir fahren Richtung Südosten. Durch ein Land, das erkennbar langsamer tickt, als wir es gewohnt sind. Vorbei an Häusern, deren grober Putz die Einschusslöcher verbirgt, die an den Balkankrieg vor gut zwanzig Jahren erinnern. Nun biegt Ivica in eine weite Kurve und deutet mit dem Kopf nach rechts. "Dort hinten am Fluss", sagt er, "die Unterkünfte dort sind damals für bosnische Flüchtlinge errichtet worden." Nach vierzig Kilometern erreichen wir die Kleinstadt Petrina. Ivica lässt uns an einer Haltestelle raus. "Ich wünsche euch viel Glück", sagt er, "aber viele Menschen hier sind noch misstrauisch."

Von wegen misstrauisch. Rasch geht es weiter. Und: Jedes Auto ist eine neue Begegnung. Ein Mann holt seine Kinder von der Schule ab, ein anderer ist auf dem Weg zu einem Kirchenfest, und der Chef einer Frima für Grabsteine rechtfertigt sich für Importe aus China, Grabsteine aus Italien seien zu teuer geworden. Er ist nicht nur redselig, sondern auch ziemlich freundlich; für uns fährt er extra einen Umweg zur Grenze. Erst Nachmittag, und hundert Kilometer sind geschafft! Über eine Brücke laufen wir nach Kostajnica hinüber, zeigen kurz die Pässe, dann dürfen wir nach Bosnien. Vielleicht sind wir ja um fünf schon in Banja Luka.

Lagebesprechung mit Kaffee, aus Lautsprechern rieselt die Begleitmusik für unseren Trip: "I hit the road out of nowhere", ewig nicht gehört. Wo Roxette läuft, muss Provinz sein. Der Refrain passt zum Abenteuer: "Hello, you fool. I love you. C'mon join the joyride", also auf zur Spritzfahrt! Heute Banja Luka, morgen Split an der kroatischen Küste, von dort auf die Insel Hvar, die von Ost nach West gequert wird. Dann vielleicht per Segelboot zurück zum Festland, südwärts an Dubrovnik vorbei nach Montenegro. Wo der Trip genau endet, wird sich zeigen. Alles in allem 800 Kilometer. Autobahnen gelten nicht, nur Landstraßen.

Es ist gar nicht leicht, aus dem Ort herauszufinden. Jeder, den wir fragen, weist in eine andere Richtung. Wir gehen erst nach Norden, dann nach Osten, wo die Straße in den Bergen endet, schließlich wandern wir gen Süden. Schnell wird klar, dass das Trampen im Ort keinen Sinn macht, fast alle fahren nur kurze Strecken hin und her. Nach vier Kilometern verlassen wir Kostajnica. Noch ahnen wir nicht, dass wir in den kommenden Tagen gut sechzig Kilometer wandern werden.

Wir postieren uns hinter einer Tankstelle. Jeder, der tankt, kann uns früh sehen. Doch nur wenige Autos kommen, und wer tankt, fährt meist zurück in die Stadt. Auch sonst hält niemand. So stehen wir anderthalb Stunden am Straßenrand.

Es ist halb fünf, wir wollten schon in Banja Luka sein, als ein Traktor auf die Straße biegt. Er zieht eine Ladefläche hinter sich her. Wir sollen aufspringen. Okay. Gemütlich tuckern wir vorwärts. Das Abendlicht scheint mild über die Felder, Fluss und Hügel. Auf einmal sind wir die Helden: Autofahrer überholen hupend, winken. Einmal werden wir gar mit einem Handy fotografiert. Nach einer halben Stunde kurvt der Bauer auf ein Feld. Zwölf Kilometer sind bewältigt. Wir stellen uns wieder an die Straße. Niemand hält. Schließlich nähert sich ein Mann auf den Bahngleisen neben der Straße. "Nehmt den Zug", ruft er, "sonst müsst ihr in der Wiese schlafen." Mit der Bimmelbahn erreichen wir unser Tagesziel in der Dunkelheit. ...

 

... die ganze Geschichte ist in FREEMEN'S World in der Ausgabe Juni/Juli/August 2016 erschienen. (Fotos: Anze Osterman)

Freemens World Sommer 2016