Dreimal versuchte Aminu Munkaila aus Ghana zu fliehen. Dreimal wäre er fast dabei ums Leben gekommen. Jetzt berät er in seiner Heimat Fluchtwillige. Und beschwört sie: Vergesst Europa! Die Geschichte eines Bekehrten

 

Manche lassen sich nicht aufhalten, sagt Aminu Munkaila und verzieht den Mund. Missmutig startet er den Geländewagen, tritt aufs Gaspedal und kurvt über den Dorfplatz von Savelugu. Im Wirrwarr der Lehmhütten sucht er einen Weg zurück auf die Hauptstraße. Er weicht einem Baumstumpf aus, umfährt einen Haufen Plastiktüten und meint: „Alle hier träumen von einem besseren Leben.“ Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie diesen Traum mit dem Leben bezahlen werden.

Eben noch saß Munkaila mit Einwohnern von Savelugu zusammen. Sie hockten im Halbkreis auf Plastikstühlen und erzählten von fünf jungen Männern, die nach Europa wollten. Von denen sei aber gerade keiner hier. Plötzlich rief ein Mann, er werde ebenfalls abhauen. Was solle er noch hier? Es gebe in Savelugu, überhaupt in Ghana nichts zu tun. Die Alten schwiegen. Dann schrie ein zweiter junger Mann, ein dritter, ein vierter, ein fünfter. Schon bald wollen sie aufbrechen. Aminu Munkaila saß dabei und hörte zu. Er kennt die Gedanken, die Illusionen. Europa! Auch er träumte einst davon. Dreimal versuchte er, seinen Traum wahr werden zu lassen. Dreimal überlebte er nur knapp.

An der Hauptstraße biegt Aminu Munkaila nach links. 20 Minuten sind es bis Tamale, einer Provinzstadt im Norden Ghanas. Im Autoradio wird aufgeregt palavert, Munkaila kichert, gluckst und prustet: "Fantastisch, diese Story!" Ein Reporter hat elf der 23 höchsten Richter bestochen - und alles heimlich gefilmt. Das ganze Land spricht darüber. "Ein Richter akzeptierte sogar eine Ziege", brüllt Munkaila belustigt. Korruption ist das größte Problem im Land, sagt er, dazu kämen fehlende Bildungschancen und Arbeitslosigkeit. Dass all dies für Länder wie Deutschland keine Asylgründe sind, war ihm schon klar, als er sich selbst mit einem Boot aufs Mittelmeer begab.

Draußen beleuchten letzte Sonnenstrahlen die Verkaufsstände an der Straße. Hinter Munkaila auf der Rückbank sitzt schweigend ein Mann. Er heißt Mohammed Hafiz, 25 Jahre alt, und war bereits auf dem Weg nach Libyen. In Tamale hörte er im Lokalradio, wie Munkaila von seinen Fluchtversuchen erzählte, von Todeserfahrungen und Menschenhändlern. So schnörkellos, anschaulich und mahnend, dass Hafiz gebannt zuhörte. Am Ende gab Munkaila seine Telefonnummer durch. Hafiz rief an, sie trafen sich. Für zwei Wochen wohnt Hafiz nun bei Munkaila und folgt ihm zu jedem Treffen. Abends diskutieren sie, was Hafiz mit seinem Leben anfangen könnte. Manchmal schaut Munkaila seinen Schützling still von der Seite an und erinnert sich. Hafiz ist kaum älter, als er es selbst bei seiner Flucht war. ...

Ende der 90er-Jahre glaubte der Gymnasiast Aminu Munkaila noch an eine Zukunft in Ghana. Er liebte Mathematik und wollte studieren. Nur Geld fehlte immerzu. Ein Freund erzählte ihm von guten Jobs in Libyen. Sie diskutierten, ob der Geburtsort eines Menschen über das Lebensglück entscheiden dürfe. Ist man wirklich ein Verbrecher, nur weil man unerlaubt eine Grenze übertritt?

Munkaila schrieb sich an der Hochschule ein, besuchte Kurse in Maschinenbau und absolvierte das erste Jahr. Aber bald konnte er nicht einmal mehr Kopien für Unterrichtsmaterial bezahlen. Er dachte an den ältesten Bruder, der sich in den 80er-Jahren nach Europa aufgemacht hatte und später mit einer Australierin in Melbourne lebte. Kann Flucht die Lösung sein?

Anfang 2000 brach Aminu Munkaila mit einem Freund auf. Sie saßen hinten auf einem Laster und waren zuversichtlich. Irgendwann strandeten sie in Agadez in Niger, einem Zentrum für Schleuser und Flüchtlinge. Sie bettelten in Kirchen und Moscheen. Auf einem Truck fuhren sie mit 200 weiteren Menschen drei Tage und drei Nächte lang nach Norden. In der Enge und Hitze des Trucks erstickten einige. Um Geld für die nächste Etappe zu verdienen, verdingte Munkaila sich als Hausjunge, verkaufte Wasser, schürfte in Salpeterminen.

Einmal schlossen sie sich bewaffneten Räubern an. Unterwegs erblickten sie ein Feld mit 200 Gräbern. Ein Truck war zusammengebrochen, alle Menschen verdurstet. Endlich erreichten sie Tripolis, wo die beiden Freunde sich trennten. Eine Zeit lang arbeitete Munkaila dort als Friseur, dann heuerte er bei einer Elektrofirma an, 70 Dollar verdiente er im Monat. Und sparte ein Jahr lang. "Libyen war furchtbar", erzählt er nun in einem Restaurant und löffelt mit seiner rechten Hand nach Reis.

Anfang 2000 brach Aminu Munkaila mit einem Freund auf. Sie saßen hinten auf einem Laster und waren zuversichtlich. Irgendwann strandeten sie in Agadez in Niger, einem Zentrum für Schleuser und Flüchtlinge. Sie bettelten in Kirchen und Moscheen. Auf einem Truck fuhren sie mit 200 weiteren Menschen drei Tage und drei Nächte lang nach Norden. In der Enge und Hitze des Trucks erstickten einige.

Um Geld für die nächste Etappe zu verdienen, verdingte Munkaila sich als Hausjunge, verkaufte Wasser, schürfte in Salpeterminen.

Einmal schlossen sie sich bewaffneten Räubern an. Unterwegs erblickten sie ein Feld mit 200 Gräbern. Ein Truck war zusammengebrochen, alle Menschen verdurstet. Endlich erreichten sie Tripolis, wo die beiden Freunde sich trennten. Eine Zeit lang arbeitete Munkaila dort als Friseur, dann heuerte er bei einer Elektrofirma an, 70 Dollar verdiente er im Monat. Und sparte ein Jahr lang. "Libyen war furchtbar", erzählt er nun in einem Restaurant und löffelt mit seiner rechten Hand nach Reis.

Neben ihm hat jetzt Abdel Rashid Platz genommen. Sie hatten sich in Libyen kennen gelernt. Der Freund spricht leise und hält den Kopf gesenkt. Er arbeitet als Taxifahrer. "Ich bin stolz, ein Ghanaer zu sein, aber das Leben hier ist brutal", sagt er tonlos. In Libyen sei er wie ein Tier mit dem Stock geschlagen worden, aber wenn dort Frieden herrschte, würde er trotzdem sofort wieder dorthin aufbrechen. Er berichtet von Freunden, die heute glücklich auf Malta leben. Und von Ghanaern, die aus Europa zurückgekehrt seien. "Ihr Lebensstil hat sich verändert, ihre Häuser", berichtet er, und in seinen Augen steht die Sehnsucht. Noch immer denkt Rashid an Europa, aber er hat nun eine Frau und zwei Kinder. Für ihn ist es eine Horrorvorstellung, dass sich eines Tages eines seiner Kinder illegal nach Europa aufmachen könnte.

Anfang 2004 stieg Aminu Munkaila das erste Mal in ein Boot. Die arabischen Schlepper blieben an Land zurück. Sie beteten zweimal zu Gott. Im ersten Gebet baten sie Allah, dass die Migranten unversehrt Italien erreichen. Das zweite Gebet war für den Fall, dass es die Flüchtlinge nicht schaffen. Dann sollten sie bitte von Fischen gefressen werden. Sonst verraten sie der Polizei die Namen der Schlepper.

Kaum auf dem Meer, brach das Boot auseinander. Der hölzerne Rumpf sackte einfach weg. Munkaila klammerte sich tagelang an eine aufgeblasene Seitenwand und wurde gerettet. Die Namen der Schlepper verschwieg er. Nach dem zweiten gescheiterten Fluchtversuch - Wasser drang ins Boot, es sank - kaufte sich Munkaila eine Schwimmweste. Dann fuhr er zum Haus eines Arabers an der libyschen Küste. Sie waren 37 Schwarzafrikaner, jeder zahlte 1000 Dollar. Nachts um vier Uhr stiegen sie auf das Schlauchboot. Sie erhielten einen Kompass, jemand zeigte in Richtung Lampedusa. Im Morgenlicht verschwand die Küste hinter dem Horizont.

Stunden später fiel die Pumpe aus. Wasser drang ins Boot. Vor der Abreise hatte ein Mann erzählt, er könne segeln. Er hatte deshalb weniger zahlen müssen. Nun wusste er nicht einmal, wie man ein Paddel hält. Bald rann Benzin über das Boot und ätzte Löcher in die Plastikhaut. Munkaila zog seine Schwimmweste über. Alle anderen schützten sich mit aufblasbaren Autoschläuchen. Tagelang trieben sie auf dem Meer. Munkaila betete und wartete auf ein Wunder. Und schwor, sich nie wieder aufs Meer zu wagen.

Am 22. Juni 2004 erschien am Horizont die 90 Meter lange "Cap Anamur" des deutschen Philanthropen Elias Bierdel. "Ohne ihn wäre ich tot", sagt Munkaila. Einzeln stiegen die Afrikaner an Bord und glaubten, bald am Ziel zu sein. Sie beschlossen, sich als Flüchtlinge aus der Bürgerkriegsregion Darfur auszugeben. So hofften sie auf politisches Asyl.

Doch die "Cap Anamur" durfte keinen Hafen ansteuern und wurde von der italienischen Marine eskortiert. Nach zwei Wochen waren die Afrikaner frustriert. Einige drohten, sich kopfüber in die See zu stürzen. Viel später landeten sie auf Sizilien, kamen dort ins Flüchtlingslager Agrigento. Der Plan, sich als Sudaner auszugeben, flog auf. Tage später saß Aminu Munkaila im Flugzeug nach Accra, Ghanas Hauptstadt. Während des Flugs stand er auf und erzählte den Mitreisenden seine Geschichte. Sie spendeten ihm Geld, und zum ersten Mal erlebte er, wie er andere Menschen mit seinen Erlebnissen berührt. Sein ältester Bruder schickte ihm Geld für die Rückkehr nach Tamale. So endete Aminus Traum von Europa.

Heute trifft sich Aminu mit seinem Bruder Ahmed Baba, 50. Er sitzt auf einem abgewetzten Stuhl in seinem Immobilienbüro in Tamale, ein kleiner Raum mit Sofa, zwei Holzstühlen für Kunden und einem Schreibtisch, auf dem ein Foto seiner australischen Frau steht. "Sie kommt manchmal mit den Kindern." Aber meist fliegt er nach Australien. Mehr als drei Jahrzehnte lebte Ahmed Munkaila in der Ersten statt der Dritten Welt. Als aber die Kinder das Haus verließen und die Sehnsucht nach Ghana zu groß wurde, kehrte er zurück. Der Neuanfang wurde ihm nicht leicht gemacht, die Leute begegneten ihm mit Neid und Schmähungen. "Kokosnuss" werden manche Rückkehrer in Ghana genannt: außen schwarz, innen weiß.

Zugleich ist er für die Menschen ein Vorbild, erzählt Ahmed: "Aber sie verstehen nicht, dass es heute viel schwieriger ist, nach Europa zu gelangen." In den 80er-Jahren erhielt er noch relativ leicht ein Visum und konnte mit dem Flugzeug nach Rom fliegen. Dass sich die Welt geändert hat, dass sich die EU immer mehr einigelt, verstehen junge Ghanaer nicht. Sie sehen nur, dass er es geschafft hat. Deshalb wollen sie sich von ihm nichts sagen lassen über den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit.

Als Aminu Munkaila wieder in Tamale ankam, gründete er mit Freunden AFDOM, African Development Organization for Migration. Sie wird seit 2007 von Misereor finanziert - und zu einem kleinen Teil von Rückkehrern wie Aminus Bruder. Heute bezieht Aminu als Vorsitzender ein Gehalt. Er ist 37 Jahre alt, verheiratet und Vater eines Kindes. Und ist ein Jahrzehnt nach dem Aufwachen aus dem Europa-Traum ein gefragter Gesprächspartner für Politiker und Diplomaten in Brüssel und Berlin. Er ist quasi ein inoffizieller Botschafter der Flüchtlinge.

Aufklärer wie Munkaila können in der Flüchtlingskrise zumindest ein Teil der Lösung sein.

Er umarmt den Bruder, dann muss Aminu Munkaila weiter. Im Auto berichtet er von einer Frauengruppe, die er am Vormittag traf. Munkaila erzählte ihnen von den jungen Frauen, die ihm auf seiner Reise begegnet waren. Nur in kurzen Sätzen und Andeutungen berichtete er: "Die Räuber wollten unser Geld. Die Frauen mussten mit ins Haus. Und kamen erst nach einer Stunde wieder."

Munkaila tritt aufs Gaspedal, er will seinem Schützling Mohammed Hafiz noch einen Mann vorstellen, der sich gerade eine Existenz aufbaut. Auf einer Ausfallstraße zieht er nach rechts, bremst ab und grüßt durchs offene Fenster.

Issah Hardi sitzt dort vor seinem Shop. An Gittern hängt Kinderkleidung. Hardi ist vor Kurzem frustriert aus Libyen zurückgekehrt. Nun verkauft er Kleidung aus Polen und Italien. Sein Umsatz liegt bei sieben Euro pro Tag. Davon muss er den Laden und neue Ware bezahlen. Doch es geht aufwärts, mit jedem Monat etwas besser. "Wenn ich heute aufwache, bin ich froh", sagt er.

Mohammed Hafiz steht ein paar Meter entfernt und beobachtet. "Ich werde in mein Dorf zurückkehren und ein Geschäft aufmachen", sagt er. Mehr Worte braucht er nicht, um seinen Traum als Illusion zu akzeptieren.

 

Erschienen in: FOCUS Magazin, Nr. 08/2016
Foto: Lennart Laberenz