Im September 2008 formiert sich über dem Atlantik einer der gewaltigsten Wirbelstürme seit Jahrzehnten: Hurrikan »Ike« peitscht haushohe Wogen auf, zerstört Dörfer und Städte auf Haiti, Kuba und in Texas, richtet einen Milliardenschaden an. Nach wie vor rätseln Meteorologen über diese nahezu unkalkulierbaren Naturgewalten. Denn schon winzige Veränderungen von Temperatur und Luftdruck können einen Orkan auf einen neuen Kurs führen – oder ihn rasant anschwellen lassen

 

Mächtige Wellen branden an die Strandmauer der Küstenstadt Galveston im Süden von Texas. Gischt schäumt auf und spritzt meterhoch an der Brüstung empor. Der Wasserpegel steigt erst um zwei, dann um mehr als drei Meter an. Wogen zerstören einen Pier und fluten die Düneninsel Galveston Island. Mattgraue Regenwolken schieben sich vor die Sonne. Wind weht vom Meer heran und biegt am Strand die Palmen. Langsam bemächtigt sich die Natur des mondänen Urlaubsorts am Golf von Mexiko.

Es ist der 12. September 2008, und weit draußen auf dem Meer formiert sich der Hurrikan „Ike“ zu einem der gewaltigsten Wirbelstürme, die jemals Amerika heimgesucht haben. Seine Orkanwinde nehmen stetig Wasserdampf auf, vier Milliarden Tonnen an diesem Tag. Die Luft strömt wasserdampfgesättigt in das Sturmsystem, wirbelt in den Gewittertürmen empor, 17 Kilometer hoch bis in die obersten, eiskalten Geschosse. Die Feuchtigkeit gibt sie dabei wieder ab: Die riesigen Spiralwolken schwellen an.

„Ikes“ Wolkenbänder spannen sich von Louisiana im Norden bis beinahe nach Yucatán im Süden – fast 1000 Kilometer weit. Den Golf von Mexiko verschatten sie weiträumig. Sein Auge weitet sich und misst von Ost nach West bereits 60 Kilometer. Seine Winde rasen mit 165 km/h, in Böen noch stärker, stündlich nehmen sie jetzt an Geschwindigkeit zu. Weit kreisen sie um das Zentrum herum, bis zu 195 Kilometer entfernt. Auf dem Meer peitschen die Stürme haushohe Wogen auf und schicken erste Wellen auf breiter Front gen Norden.

Ein Hurrikan dieser Größe entfaltet eine Windkraft, die einer Leistung von bis zu 3000 Gigawatt entspricht – damit ließen sich alle Haushalte und Industrieanlagen der Welt mit Strom versorgen. Auf seinem Pfad über die Bahamas und Kuba hat „Ike“ mit dieser unbändigen Kraft weite Landstriche verwüstet.

Nun, da er fast die doppelten Ausmaße eines gewöhnlichen Wirbelsturms hat, nähert er sich der Küste der USA. Langsam bewegt sich „Ike“ vorwärts, mit 20 km/h, Kurs Westnordwest. Sein Zentrum rotiert jetzt 425 Kilometer südlich
von Galveston.

Im National Hurricane Center in Miami, Florida, sind die Meteorologen beunruhigt. Nach ihren Prognosen könnte sich „Ike“ bis zum Anbruch der Nacht zu einem Hurrikan der Kategorie drei, vielleicht sogar vier auf der fünfstufigen Saffir-Simpson-Skala entwickeln (anhand der Windstärke werden Wirbelstürme einer Stufe dieser Skala zugeordnet; danach lässt sich etwa die mögliche Fluthöhe abschätzen).

Sie befürchten sechs, sieben Meter hohe Flutwellen, massiven Regen und Orkanwinde mit einer Geschwindigkeit von 175 km/h. Wie im Handstreich entwurzelt solch ein Wirbelsturm dann Bäume und bläst Strandvillen fort.

„Huracán“ nannten einst die Quiché-Maya den Gott des Himmels. Sie verehrten ihn als einen ihrer Schöpfer und fürchteten ihn als zornigen Herrscher, der über das Wasser hauchte und stets im Sommer und Herbst mächtige Stürme wie Sintfluten entfesselte. Seine Gewalt, das glaubten sie, habe bereits ihre Ahnen ausgelöscht. So ohnmächtig wie die Maya sehen sich von jeher die Menschen in der Karibik der allmächtigen Urgewalt der Hurrikans ausgeliefert.

20 Schiffe der spanischen Schatzflotte wurden 1502 von einem Wirbelsturm versenkt. Columbus hatte vergeblich vor der noch kaum bekannten Gefahr gewarnt. Als ein Hurrikan 1609 die britische „Sea Venture“ beschädigte, rettete sich die Crew auf die Bermudas – und nahm kurzerhand die Inseln für die Krone in Besitz. 1780 tötete der gewaltigste Kabiksturm der Neuzeit 22 000 Menschen auf den Antillen. Im Jahr 1900 verloren in Galveston mindestens 8000 Bürger durch die Macht des Windes ihr Leben und die Stadt ihren Rang als drittgrößte Hafenstadt an der US-Küste.

Die Geschichte eines jeden karibischen Hurrikans beginnt weit im Osten und oft sogar jenseits des Meeres – über der Wüste Nordafrikas.

Frühsommer 2008, Sahara, etwa 12 000 Kilometer ostsüdost von Texas...

 

... die ganze Geschichte in GEOkompakt Nr. 19

naturgew 150