Ruppe Koselleck hat Großes vor: Er betreibt die feindliche Übernahme von British Petroleum. Das tut er nicht mit Gewalt, sondern mit Kunst

Foto: Jan Windszus
Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2012, Kategorie Bester Freier

Es ist jetzt gegen zehn Uhr an einem Aprilvormittag, damit beginnt die beste Zeit: Vor Norderney zieht sich die Nordsee zur Ebbe zurück, und Ruppe Koselleck macht sich auf, um frisches Kapital für seine „feindliche Übernahme zu suchen. Er spaziert in einer grünen Montur von British Petroleum über den weiten, weißsandigen Nordstrand. Jakobsmuscheln liegen herum, geschliffene Steinchen und allerlei dunkles Strandgut. Alle paar Meter bückt er sich, greift nach einem schwarzen Klumpen, dreht ihn in der Hand und riecht daran. „Vielleicht finden sich ja ein paar Brocken Rohöl, sagt Ruppe Koselleck hoffnungsfroh und geht weiter.

Natürlich ist nicht jeder schwarze Klumpen am Strand ein Rohölrest. Kaum einer weiß das besser als Koselleck. Schließlich sammelt er seit zehn Jahren und war an einigen Stränden der Welt unterwegs. Da sind etwa diese porösen und steinharten Würfelchen: „Schlacke, sagt er und wirft sie fort in die sandfarbenen Wellen. Es gibt auch schwarze Plättchen, die splittern, wenn man sie bricht: harmloser Muschelkalk. Und dann diese strohigen Brocken: nichts anderes als vom Flutwasser verpresster Pferdekot. Darauf fällt er schon lange nicht mehr herein.

Die Sonne bricht durch die Wolken, und Koselleck schwitzt unter seiner grünen BP-Montur. Die Jacke will er nicht ablegen. „Ich kann hier doch nicht ohne Arbeitskleidung rumlaufen, meint er und sucht weiter nach Rohölklumpen wie andere Menschen nach Bernstein. Mit seinem wuchtigen, kahlen Schädel und der stämmigen Figur erinnert der 44-Jährige an einen Ringer. Sieht man ihn aus der Ferne, denkt man an einen Tankwart auf Strandurlaub. Plötzlich kniet sich Koselleck nieder. Er streicht mit der Hand über ein paar Muscheln, putzt mit seinen kräftigen Fingern Sand zur Seite und hält ein tischtennisballgroßes Klümpchen in der Hand. So weich, dass es schmierig die Hände verklebt. „Scheiße, sagt er auf seine Finger schauend und befindet: „Erdöl! Noch ganz frisch. Nicht ausgehärtet. Ansonsten scheint der Strand sauber zu sein.

Manchmal wird Koselleck von Wattgängern angesprochen. Dann erzählt er von seinem verwegenen Plan, den Erdölkonzern British Petroleum zu übernehmen. Es ist eine romantische Utopie, der Traum eines Machtlosen gegen einen mehr als 18 Milliarden Aktien schweren Titanen. Die Auflehnung eines Bürgers, der im großen Pokerspiel doch eigentlich zum Schweigen verdammt ist. Aber Koselleck redet, munter und selbstgewiss. Während seines Vortrags greift er routiniert in eine Tasche seiner BP-Jacke und zückt eine Visitenkarte. Darauf sein Credo:„Sie kaufen Kunst und ich BP!

Die Strandgänger entgegnen: „Übernehmen Sie den Laden! Auch: „Machen Sie sie platt! Manche ballen komplizenhaft die Fäuste oder recken die Daumen. Einer zeichnet gar Kosellecks Ansage mit der Kamera seines Handys auf. Er will sie daheim der Familie vorspielen. Solche Begegnungen puschen den Künstler auf: „Ist doch geil, was? Die Leute sind echt angetan.

Als sich Koselleck nunmehr vom Meer abgewendet hat, entdeckt er mit einem Mal noch eine Art Ader: Nahe den Dünen liegen wie auf einer Perlenkette aufgereiht mattschwarze Fladen, jeweils wenige Schritte voneinander entfernt. Es sind Dutzende! Allesamt labbrig, groß und platt wie in der Hitze verschrumpelte Schallplatten. Vermutlich wurden sie bei einer Sturmflut angeschwemmt.

„Es ist pervers, ruft Koselleck in den Wind, „aber ich freue mich über jeden Ölflatschen am Strand. Stück für Stück legt er sie vorsichtig in eine Plastiktüte, die verziert ist mit der grünen Strahlensonne des BP-Konzerns. In kaum fünf Minuten sackt er jetzt drei große Hände voller Rohölreste ein. Gutes Kapital für seine nächste Attacke auf das Imperium. ...

 

... die ganze Geschichte ist in mare - Zeitschrift der Meere No. 88 erschienen.

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