Vor siebzig Jahren überfielen die Deutschen die Sowjetunion. Wer heute den Spuren der ersten Kriegswochen folgt, der findet vieles – die Orte, die Menschen, ihre Erinnerungen – wie unverändert vor. Eine Zeitreise. 

 

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Fotos Dirk Liesemer
Shortlist Henri-Nannen-Preis 2012, Kategorie Dokumentation

 

Im Mai 1941 verstummte in Sokal die Natur. Ein merkwürdiges Dröhnen lag in der Luft, und manchmal konnte man ein Wummern wahrnehmen, als würden jenseits des Grenzflusses Betonpfeiler in den Sand getrieben. Die Deutschen bereiten etwas vor, sagten die alten Menschen, Böses wird geschehen. Selbst die sowjetischen Grenzsoldaten unten am Bug bekamen Angst. Sie verstärkten ihre Bunker und bretterten mit Anhängern voll Metallschrott über die Pflasterstraßen. „So laut und wild fuhren sie“, erzählt Wolodymyr Jasinskyi, „dass die Deutschen den Lärm hören mussten.“ Auch sie sollten sich fürchten müssen.

Der Sommer 1941 war heiß, oft 30 Grad Celsius und mehr. Die sandigen Pisten trockneten aus, wurden staubig und steinhart. Der Weizen auf den Feldern reifte rasch. Selten zogen Wolken über den Himmel hier im äußersten Nordosten des historischen Galiziens, dem ewigen Grenzland Zentraleuropas.

Wolodymyr Jasinskyi war zwölf Jahre alt in der Nacht des 22. Juni 1941, an die er sich in Bruchstücken erinnert. Er lebt noch heute im Haus seiner Eltern, das kaum 150 Schritte von der Brücke über den Bug liegt. Da war ein Knall. Draußen alles dunkel. Irgendwo brannte es im Ort. Der Vater brüllte: Krieg. Mit Schwester, Bruder, Eltern versteckte sich der Junge im Wohnzimmer hinter dem Ofen. Stundenlang hockten sie da. „Schweigend? Ja, ich glaube, wir haben die ganze Zeit geschwiegen“, sagt er. Die Vorhänge zugezogen. Dunkle Gestalten huschten durch die Straßen.

Hin und wieder blickten sie zu den Heiligenbildern auf und erinnerten sich, dass die „Maria von Sokal“ schon einmal die Familie gerettet hatte. Ein russischer Soldat hatte das Bildnis im Ersten Weltkrieg irgendwo geraubt und später Wolodymyrs Großmutter geschenkt. Die hatte es aufgehängt neben dem Fenster zur Straße. „Als 1917 die gesamte Nachbarschaft niederbrannte, da entging nur unser Haus dem Flammenmeer“, sagt Wolodymyr Jasinskyi.

Er weiß noch heute, wo einst in Sokal die Juden Fuks, Raina und Baruch gewohnt haben. Er erinnert sich an Überläufer und Verräter. An eine Bombe, die im Krieg den Giebel des Nachbarhauses auseinanderriss. Er erinnert sich an das Ghetto in der Stadt, an Transporte nach Majdanek, auch an Dr. Kindler, einen jüdischen Arzt, der sich mit seiner Familie auf einem Dachboden während des Krieges versteckte. Und er vermutet, dass die Skelette von Juden, die man in Massen exekutierte, noch auf jenem Feld verscharrt sind, wo einmal ein Verteidigungsgraben verlief.

 

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Jasinskyi hat seine Geschichten ein Leben lang nur in der Familie erzählt. Denn das, was im Sommer 1941 im Westen der Sowjetunion geschah, die frühen Niederlagen, galt als Tabu; das sagen alle Zeugen, denen ich auf meiner Reise durch die Ukraine begegne. Niemand durfte erzählen.

Siebzig Jahre nach jenem Sommer, in dem Hitler die Sowjetunion überfiel, habe ich mich auf die Spuren des Krieges begeben, im Rucksack zwei Bücher des Unteroffiziers Gustav W. Schrodek. Nur wenige Soldaten haben die Marschroute ihres Regiments so genau festgehalten. Seine Erinnerungen hat er nach dem Krieg aufgearbeitet und 1976 veröffentlicht. Schrodek, 1920 geboren, war Richtschütze in der 11. Panzerdivision. Ein schlanker, großer Mann, dunkle Haare. Nach der Schule hatte er sich als Freiwilliger gemeldet. Wie so viele erwartete er ein Abenteuer.

Seine Division zählte 146 Panzer und 15000 Soldaten und nannte sich „Gespenster-Division“. Im Balkanfeldzug war sie unerkannt durch die feindliche Front geprescht und wie aus dem Nichts erst kurz vor Belgrad aufgetaucht. Ihr Abzeichen: ein schwarzes Gespenst auf einer Art von Rollschuhen. Ihr Selbstverständnis: militärische Elite.

Schrodek hat oft auf einem der vordersten Panzer mitgekämpft. „Er war ein Angeber, aber seine Darstellungen sind im Großen und Ganzen korrekt“, urteilt Andrij Kosytzkyi, Militärhistoriker an der Universität Lemberg.

Am Tag vor dem Krieg gegen die Sowjetunion wurde Schrodeks Regiment die Marschroute für die ersten Wochen mitgeteilt: Sokal, Dubno, Berdytschiw, dann zu einer Stelle am Dnepr nördlich von Kiew. Kurz vor dem Angriff verkündete der Generalmajor der 11. Panzerdivision, die zur Heeresgruppe Süd gehörte, die Parole: „Die Gespenster-Division wird sich wie in Serbien auf den Feind stürzen, wo wir ihn treffen - ihn angreifen - und vernichten.“

Am Mittag des 22. Juni 1941 rollten die ersten Panzer über den Bug. Am Haus der Jasinskyis bogen sie nach links ab, die Pflasterstraße hinauf ins Stadtzentrum, drehten dort nach rechts ab und rollten am Friedhof vorbei hinaus über die ausgetrockneten Pisten ins Land, wo nach wenigen Hundert Metern die sowjetischen Bunker der Molotow-Linie standen. Am späten Abend rasteten die Panzer einige Kilometer östlich von Sokal. Über jenen Tag vermerkt das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW): „Taktische Überraschung und Übergang über San und Bug überall gelungen.“

Die Bunker bei Sokal stehen noch. Sie sind mit Einschusslöchern übersät und zubetoniert. „In manchen liegen die Gebeine von sowjetischen Soldaten“, sagt Grytschuch Wolodymyr Mychajlowytsch, ein Zahnarzt, Mitte Vierzig, der uns in seiner Sonntagsuniform herumführt, einem Tarnanzug der amerikanischen Marines. Seit zehn Jahren rekonstruiert er mit Freunden die ersten Kriegswochen im Landkreis Sokal. Sie haben Hunderte Fotos gesammelt, Bücher, Karten und Akten aus NKWD-Beständen gesichtet. „Mach ein Foto“, verlangt Mychajlowytsch und hält ein Bild vom Sommer 1941 in die Landschaft. Es hat sich verblüffend wenig verändert. Gebäude, Kirchen, Weizenfelder, wie eingefroren in der Zeit. Mal wurde eine Hecke entfernt oder ein Schild ausgetauscht, anderswo dafür ein Zaun errichtet. „Sieh, selbst die Ziegel, über die die Panzer gefahren sind, kommen noch unter dem Straßenbelag hervor!“, sagt Mychajlowytsch.



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Dann will er nach Radziechow fahren, wo die erste Panzerschlacht im Ostkrieg stattgefunden habe. Er will zeigen, was Schrodek nicht erwähnt: Dass es Widerstand gab und der Ort für sechs Stunden zurückerobert wurde. Doch es beginnt zu regnen. Im Nu verschlammt die Straße, und Schlaglöcher verschwinden unter Pfützen. „Wäre das Wetter damals auch so furchtbar gewesen", sagt er, „hätten die Deutschen gleich umkehren können.“

Am 23. Juni 1941 rollte die 11. Panzerdivision auf Radziechow zu. Schrodeks Notizen zufolge herrschte „unter den Vorfahrenden eine Bombenstimmung“. Er selbst saß auf dem Zugführer-Fahrzeug, Wagen Nummer 21. Als er den ersten sowjetischen Panzer erspähte, schoss er „die erste Panzergranate mit seinen besten Empfehlungen zu den Russen hinüber“. Am Nachmittag waren 46 Feindpanzer zerstört. Die Einheit pausierte, einige Soldaten gingen plündern.

„Erinnerlich für alle, die dabeigewesen, dürften von diesem Tag noch sein jene zu Tausenden vorgefundenen Eier, die man in Kisten verpackt auf den einzelnen Panzern mitgehen ließ“, notierte Schrodek. „Während der Weiterfahrt flogen dann diese Hühnerprodukte von Wagen zu Wagen und hinterließen manch unschönen Fleck. Doch lustig war's, und darauf kam es in dieser Situation an.“ Und: „Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben darf das in der Brauerei in Radziechow vorgefundene Bier, welches mangels geeigneter Transportbehälter leider viel zu schnell alle war, um sich auch noch Tage später daran laben zu können.“

Von Radziechow aus fuhr die Gespenster-Division auf einer Straße ostwärts gen Dubno. Dann wich sie auf offenes Gelände aus und raste 50 Kilometer durch Kornfelder und Weideland. Am 25. Juni 1941 erreichte die Division die Provinzstadt im Westen der historischen Landschaft Wolhynien: „Um 11 Uhr ist es dann soweit, dass Dubno von Norden und Süden gleichzeitig angegriffen werden kann. Nach Abwehr eines Flakangriffs, bei dem der Russe auch Panzer einsetzt, kann die 11. P.D am frühen Nachmittag dieses 25. Juni melden, dass sich Dubno ab 14.00 Uhr fest in eigener Hand befindet.“ Aus dem Kriegstagebuch des OKW zur Heeresgruppe Süd: „Die Kämpfe in der Grenzschlacht halten mit unvermindeter Stärke an. Auf ganzer Front nördl. der Karpathen verteidigt sich Feind zäh und führt heftige, von Pz. unterstützte Gegenangriffe. Feind führt weiterhin Reserven aus der Tiefe des ukrainischen Raumes heran.“

Als der Regen nachlässt, fahren wir einige Kilometer auf jener Straße, auf der Schrodek gerollt ist. Es geht mit dem Bus durch eine offene, wellige Landschaft gen Dubno. Weizenfelder und weite Wiesen wechseln sich ab. Ein Bauer treibt zwei Kühe einen sandigen Weg entlang auf ein Dorf zu. Und plötzlich tauchen aus einer Senke die goldenen Kuppeln einer Kirche auf. Fahrgäste steigen zu, stellen Eimer voll mit Himbeeren oder Kirschen im Gang ab. Gedrängt hocken wir zwischen alten Frauen und lernen Stanislawa Kowaltschuk kennen.

 

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Sie war fünf Jahre alt und lebte mit der Familie auf einem Dorf nahe der Stadt. Als die Deutschen kamen, sind sie in die Sümpfe geflüchtet. Es seien gute und schlechte Menschen unter den Soldaten gewesen. Ein Militärarzt etwa hat dem Bruder mit einem Medikament das Leben gerettet. Ein anderer den Vater vor einer Racheaktion bewahrt, nachdem ein Deutscher im Wald tot aufgefunden worden war. Aber sie erinnert sich auch, dass die Eltern erzählten, wie die Deutschen Juden einsammeln ließen. Wie sie mit Lastern in den Wald gebracht wurden, dort Löcher graben mussten und erschossen wurden. „Noch Tage später hieß es, dass sich im Wald die Erde bewegt.“

Am 26. Juni 1941 verließ die 11. Panzerdivision Dubno und hielt ostwärts auf das 230 Kilometer entfernte Berdytschiw zu. An manchen Tagen kam Schrodeks Einheit 50 Kilometer und mehr voran. An anderen Tagen wurde sie 60, 70, 80 mal aus der Luft angriffen, so dass sich die Soldaten ständig hinter Erdwällen verschanzen mussten. Schrodek war so übermüdet, dass er einmal selbst bei einem Angriff auf dem Panzer schlief. Am 4. Juli 1941 brach die Gespenster-Division durch die Stalin-Linie, eine mit Betonbunkern bewehrte Verteidigungslinie 80 Kilometer vor Berdytschiw. Dann folgte der Angriff auf den dortigen Flugplatz und die Panzerkaserne.

Tagelang verteidigten die sowjetischen Soldaten die Stadt. Immer wieder Gefechte, Scharmützel - und Besäufnisse. Aus der Nacherzählung eines Soldaten, zitiert bei Schrodek: „Unterwegs wurde von irgendwoher ein Faß mit 500 Liter Muskatellerwein 'organisiert', dessen Inhalt wir in entsprechende Kanister umfüllten. Die Wirkung der gleich vor Ort und Stelle vorgenommenen 'Kostproben' war überwältigend.“ Das Heerestagebuch des OKW vom 7. Juli 1941 vermerkte zur Heeresgruppe Süd: „Nachhutkämpfe des Feindes vor 11., 17. und 6. Armee. PzGr.1 hat mit XXXXVIII. AK. gegen zäh kämpfenden Feind den taktischen Durchbruch durch die Festungsfront erzwungen und mit Inbesitznahme von Berditschew den operativen Durchbruch angebahnt.“

Wir nehmen den Zug nach Berdytschiw und fahren stundenlang parallel zu jener Straße, auf der Schrodek gefahren ist. Prächtige Bauerngärten mit angepflogten Ziegen. Gänse suhlen sich in einer Pfütze. Windschiefe Holzzäune vor niedrigen Häusern. Auf jedem Grundstück ein Apfelbaum. Wenn man sich die Fotos, die Schrodek gesammelt hat, vor Augen führt, dann fallen nur die Dächer der Dorfhäuser auf: Sie waren früher aus Reet und sind heute aus Blech oder Asbestzement.

Unmittelbar vor Berdytschiw breitet sich dunkle Erde und Schilfland aus. Industriebrachen folgen. 90 000 Menschen leben in der Stadt, nicht wesentlich mehr als vor 70 Jahren. Doch damals waren zwei von drei Menschen jüdischen Glaubens, etwa 50 000 insgesamt. Als sich die Wehrmacht näherte, flohen 8000 Juden nach Sibirien, Usbekistan, Kasachstan. Heute leben noch 300 Juden in Berdytschiw. Es gibt zwei Gemeinden, zwei Rabbiner, wobei einer öfters zu seiner Familie nach New York pendelt. Die Alten, die täglich zum Gottesdienst in die Synagoge kommen, sprechen noch Jiddisch und sind tief gerührt, als sie halbwegs unser Deutsch verstehen.

In der Synagoge in der Sverdlova Straße stellen wir uns einem Hausmeister vor und sagen, dass wir Zeitzeugen suchen. Nach nur einer Minute erhalten wir die Telefonnummer von „Grischa“. Der würde uns „Opa Mischa“ vermitteln. "Opa Mischa ist nach einer Massenerschießung wieder aus dem Leichenberg hervorgekrochen. Er wird mit euch sprechen.“ Doch als wir am nächsten Tag nach unserer Verabredung fragen, empört sich die Koordinatorin der Jüdischen Gemeinde und brüllt den Hausmeister an: „Die Stadt besteht nicht nur aus Grischa und Mischa! Es gibt auch noch andere Menschen, die den Holocaust überlebt haben und erzählen wollen.“

So besuchen wir Genia Burmenko, geboren 1917. Sie empfängt uns in ihrer Wohnung, zweiter Stock in einem Hinterhaus am Stadtzentrum. Eine gebeugte, kleine Frau, die schwer hört und laut spricht. Sie hat uns nicht erwartet, ist aber hocherfreut, als wir eintreten. Sie nimmt sie sich einen Stuhl und setzt sich uns eine Armlänge weit direkt gegenüber und erzählt mit brüllender Stimme ihre Geschichte. Tage nachdem die Deutschen Berdytschiw erobert haben, erhielt sie einen Ausweis mit dem Wort „Frau“ und einem Hakenkreuz. „Frau“, wiederholt sie auf Deutsch. Kein Foto, kein Name. Sie war 24, verheiratet, ein Sohn. Sie hatte langes blondes Haar und hellblaue Augen wie der ukrainische Vater. Die Schwester kam nach der Mutter, dunkle Haare, dunkle Augen. Den Ausweis brauchte sie, wenn sie zum Saubermachen in die Kommandantur musste.

 

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Genia Burmenko springt in den Geschichten vor und zurück. Es ist wie mit vielen Zeugen: Sie fangen an zu erzählen, wollen sich nicht unterbrechen lassen - nicht von Fragen, nicht von den lästigen Übersetzungen, nicht vom eigenen, heftigen Husten. Manche berichten von Angstträumen, andere von lebenslang gehegten Wünschen, einer liest fast vergessene Briefe vor. Kein Zeitzeuge will genauer wissen, wer wir sind, was wir wollen oder wo ihre Geschichte veröffentlicht wird. Nur: Bitte sehr bald!

Jetzt spricht Genia Burmenko mit ihrer lauten Stimme von dem Tag, der alles im Leben verändert hat: „Am 15. Januar haben sie Mama mitgenommen. Das Kind, den Vater. Alle aus der Familie. Es war früh am Morgen. Niemand war mehr da, nur die Schwester. Auf der Straße haben wir gesucht. Wir haben andere Juden gesehen und uns ihnen angeschlossen. Die Mama haben wir nicht wieder gesehen. Sie haben Mama weggenommen.“ Und auf Deutsch brüllt sie: „Schweine, Schweine!“ Dann sollten Genia und ihre Schwester erschossen werden. Sie müssen in einen Graben steigen. Erst, als die Schwester sie anfleht, zückt sie den Ausweis - und muss den Graben verlassen. "Ich wollte nicht. Es war ein Befehl. Man ließ mir keine Wahl. Ich hätte doch auch erschossen werden sollen!“ Sie winkt ab, schreit, weint. „Meine Schwester hat mir aufgegeben, unsere Geschichte zu erzählen. Das ist meine Aufgabe, dafür lebe ich.“

Genia Burmenko kramt ein zerknülltes Papier aus der Tasche. Wickelt es auf, holt ein Kreuz hervor. „Ich bin keine Christin, aber dies hat mir die Familie geschenkt, bei der ich kurz untergekommen bin. Ich sollte es zur Not vorzeigen. Das Kreuz hat mich ein Leben lang beschützt.“ Den Krieg überlebte sie bei einem polnischen Bauern, ihr Versteck war ein Keller außerhalb des Hauses, eingelassen in eine Weide, versehen mit einer versteckten Klappe. Der Raum maß ungefähr drei mal drei Meter, Kartoffeln und Äpfel lagerten dort. Sie ließ sich die Zöpfe abschneiden und schlief auf einer Matratze. Nur nachts schaute sie heraus. So lebte sie Monate, Jahre.

Erst als die sowjetischen Soldaten, „die Befreier“, die Stadt im Januar 1944 zurückeroberten, wagte sie sich aus dem Loch. „Ich werde den Deutschen nie verzeihen“, schreit sie am Ende ihrer Erzählung. „Aber Mama“, brüllt da der Sohn, ein gemütlicher Mittfünfziger, der eben die Wohnung betreten hat und ins Sofa sinkt: „Du hast ihnen doch längst verziehen; dein Enkel lebt in Mühlheim, deine Enkelin in München.“ Sie nickt. Dann klopft sie sich auf die Brust und will ihre Ruhe haben. Als wir dem Sohn Fragen stellen, schreit sie ihn mit dem Furor einer Fünfjährigen an: „Ich habe alles gesagt. Es gibt nichts mehr zu erzählen. Du sagst nichts. Das ist meine Geschichte.“

Am 15. Juli 1941 sprengte die Gespenster-Division den Verteidungsring jenseits von Berdytschiw. Schrodeks Einheit fuhr weiter ostwärts. „Endlich!“, jubelte er. „Zurück bleiben Erinnerungen an unbeschreibliches Heldentum, an Kampf, Kampf und nochmals Kampf!“ Danach wurde die Stadt Uman eingekesselt. Schrodek trug eine leichte Verletzung davon: Ein Granatsplitter bohrte sich links neben der Wirbelsäule in Höhe der Taille in den Körper. Am 8. August 1941 schied die 11. Panzerdivision aus dem militärischen Großverband aus, dem sie bisher angehörte. Im weiten Bogen fuhr Schrodek zurück nach Berdytschiw, dann 40 Kilometer nördlich gen Schytomyr, schließlich ein Schwenk nach Nordosten durch Sumpfland zum Dnjepr. Millionen Mücken schwirrten in der Luft und flogen beim Sprechen in den Mund. Gesichter, Hände und Beine schwollen vor Stichen an.

Ende August eroberten die Panzer einen Brückenkopf östlich von Gornostaipol. Danach wurde Schrodek nach Schytomyr zurückverlegt, wo er am 3. September ankam. Die Stadt war seit Wochen besetzt. „Hochstimmung stellt sich ein, als allgemein bekannt wird, dass das Regiment hier für mehrere Tage zur Ruhe kommt und aufgefrischt werden soll.“ Er streifte durch die Stadt, hörte von irgendwoher Klaviermusik, die sein „anspruchslos gewordenes Landserherz“ erfreut, und sah einmal - selbst tief schockiert - einen Lkw „mit Juden vollgestopft" vorbeifahren.

Aus dem Kriegstagebuch des OKW zur Heeresgruppe Süd: „Bei 11. Armee starkes feindl. Artl.=Feuer, auch schwere Kaliber. Heftige feindl. Gegenangriffe des XXX. AK. wurden, unter großen Verlusten für den Feind, abgeschlagen... Brückenkopf ostw. Gornostaipol wurde durch Zuführung des 262. I.D. weiter verstärkt. Wetter: Teilweise anhaltender Regen, der Bewegungen erschwert und verzögert.“

Erinnern Sie sich an den Spätsommer 1941 in Schytomyr, Franciszek? Und wie sich Franciszek Bereziński, ein Sohn polnischer Eltern, erinnert! Wie aus einem Zauberhut kramt er Namen, Daten und Zitate hervor. Nur einmal, als ihm etwas nicht einfällt, stöhnt er auf Deutsch: „Mein dummer, dummer Kopf!“ Die ersten Wehrmachtssoldaten sah er eine Stunde nach dem Angriff. „Sie fuhren auf Motorrädern in die Stadt, hatten die Ärmel hochgekrempelt und Badehosen an, als würden sie in den Urlaub reisen.“

 

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Franciszek streifte mit Freunden herum. Er sah Leichen in den Straßen liegen, manche hingen auch aus den Fenstern. Er erinnert sich an einen ausgebrannten Panzer, verkohlte Knochen ragten aus der Luke. Und an schwarz gekleidete Männer mit Totenköpfen auf der Uniform. „Geht in die Stadt“, hatte die Mutter gesagt: „Es wird geplündert. Holt Nudeln aus den Kellern.“ Sie hatte aber auch gewarnt: „Die ersten Soldaten werden nichts tun, die sind mit anderen Dingen beschäftigt. Aber die zweite Reihe der Soldaten wird euch nicht laufen lassen.“

Im Zentrum stieg er mit Freunden in einen Keller. „Wodka, Wodka, Wodka!“ Sie klemmten sich einige Flaschen hinter den Gürtel, eilten die Kellertreppe hoch - und gerieten in eine Patrouille. "Der Deutsche war größer als ich. Ich stand so da, die Hände angelegt, den Kopf nach unten. Hab nichts gesagt. Er zog die Flasche unter meinem Hemd hervor, betrachtete sie und las das russische Etikett vor, fehlerfrei!“ Anschließend steckte der Soldat ihm die Flasche wieder hinter den Gürtel und ließ ihn laufen. „Sie waren so schön und jung“, sagt Franciszek, „aber sie haben dich später nach Majdanek geschickt.“

Sie waren 18 Jungen damals, nicht älter als 17 Jahre, Polen, Ukrainer, Russen und ein Grieche. Sie wollten sich bis Polen durchschlagen und im Widerstand kämpfen. Sie hatten Gewehre, Patronen und Granaten, von den sowjetischen Soldaten zurückgelassen, als diese in Panik geflohen waren. Sie haben auch das Schleichen geübt und sich Rucksäcke aus Kohlesäcken genäht, die sie mit Zwiebeln dunkel einfärbten.

Was hat Ihre Mutter zu Ihren Kriegsplänen gesagt, Franciszek? „Meine Mutter war eine kluge, mutige Frau, sie war Jahre bei den Russen in Strafgefangenschaft gewesen. Sie hat mich gesegnet!“ Franciszeks Truppe hatte zwei Typen sowjetischer Granaten in ihrem Depot. Die F1, mit der konnten sie umgehen. Und die RHD. Den Umgang damit erlernen sie von einem sowjetischen Fallschirmspringer. „Er warnte uns: Keine zehn Kilometer würden wir kommen. Dann hätte uns die ukrainische Polizei geschnappt.“

Die Gruppe flog noch in Schytomyr auf - vermutlich weilte Schrodek da in der Stadt. Franciszek wurde vom Sicherheitsdienst abgeholt. Man verprügelte ihn, bis er nichts mehr empfand. Mit dem rechten Auge konnte er nur noch sehen, wenn er das Lid mit einem Finger aufhielt. „Ei, ei, ei junger Mensch“, sagt Franciszek auf Deutsch. Das habe ein Sicherheitsmann gesagt – und weiter: „Der NKWD hat deine Mutter abtransportiert und du machst dich mit den Sowjets gemein. Was bist du für ein komischer Mensch?“ Er habe gedacht: „Du hast keine Ahnung. Ich kämpfe für mein Vaterland, für ein freies Polen!“

Franciszek hat oft über diese Deutschen nachgedacht, denen er im Sommer 1941 begegnet ist, was sie wollten, warum sie kamen. Er hat eine Antwort gefunden, aber sicher ist er sich nicht: „Sie konnten doch nicht wirklich glauben, dass man die ganze Welt erobern kann. So blöd kann doch niemand sein.“

Am 14. September 1941 erhielt Schrodeks Einheit den Befehl für den Weitermarsch zum Dnjepr. „Dann ist es soweit, und mit einem großen Feldgottesdienst am 18. September findet auch die Auffrischungszeit von Shitomir ihr Ende“, notierte er. Zwei Tage und 200 Kilometer weiter östlich erreichte seine Einheit ungefähr jene Stelle, wo sie Ende August den Brückenkopf erobert hatte, rund 50 Kilometer nördlich von Kiew, der Ort ist heute vom Kiewer Stausee bedeckt. Von dort aus setzten die Soldaten am 21. September mit einer Fähre über den Fluss. Aus dem Kriegstagebuch des OKW vom 21. September zur Heeresgruppe Süd: „Wetter: Bewölkt, kühl, vereinzelt Regen. Straßen und Wege befahrbar. Gefangene und Beute: Pz.Gr.1 nach bisheriger Zählung 43.000 Gefangene, 168 Geschütze, 50 Panzer, 27 Pak, 8 Flak, 72 Zgkw., 1220 Kfz. und 7 Eisenbahnzüge.“

In den kommenden Monaten nimmt Schrodeks Regiment am Marsch auf Moskau teil, wird dann in der Kalmückensteppe eingesetzt und später nach Westen beordert, nach Lothringen. Das Kriegsende erlebte er als „Prisoner of war" in US-Gefangenschaft nahe Kötzting in Bayern. Am 31. Mai 1945 wird er als letzter Soldat seines Regiments entlassen. Tage später tritt er einen Dienst als Ackerkutscher an. Dann endet das Tagebuch.

Wer heute im Telefonbuch nach dem Namen Schrodek sucht, findet fünf Nummern. In einer Stadt in Oberbayern nimmt eine zugewandte, verblüffend offene, ältere Dame ab: „Mein Mann ist seit 1987 tot, er starb jung. 60 Kameraden waren bei der Beerdigung.“ Fünfmal wurde Schrodek im Krieg verletzt. Nach Kriegsende ging er nach Ostberlin, später wurde er Versicherungskaufmann in München. Wenn seine Frau ihn nach seinen Erlebnissen im Krieg fragte, sagte er, er wolle die Familie nicht belasten.

Erst knapp dreißig Jahre nach Kriegsende begann er dann, an seinem Tagebuch zu arbeiten. Der Titel: „Ihr Glaube galt dem Vaterland“. Drei Jahre saß er daran und führte viele Telefongespräche mit Kameraden. „Er hat sich alles von der Seele geschrieben.“ Seine Frau las Korrektur, stellte Fragen und prüfte, was unter den Fotos von Kameraden, Panzern und Gräbern stand. Als sie endlich ins Gespräch kamen, hatte sie Probleme, das alles zu verkraften. Nur Massaker und Hinrichtungen hat ihr Mann nie erwähnt - nicht im Tagebuch, nicht im Bildband, nicht im Roman, den nur die Familie kennt. Er habe viel bedauert, sagt seine Frau. Wollte er angeben? „Ich glaube“, sagt sie, „er hat alles so aufgeschrieben, dass es für diejenigen, die dabei waren, noch erträglich war.“

 

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Zurück in die Ukraine nach Kiew, der letzten Etappe der Reise. Wir treffen den früheren sowjetischen Soldaten Lewko Chomenko, 88, im IMZ, einem Medizinischen Gesundheitszentrum für die Opfer des Totalitarismus. An seiner Jacke trägt er die farbigen Bänder seiner vier Orden und 30 Medaillen, verliehen für außerordentlichen Mut während des Großen Vaterländischen Krieges. „Wir waren Komsomolzen“, sagt er, „wir haben an die Unbesiegbarkeit der sowjetischen Armee geglaubt und an den Leninismus.“ Er habe gedacht, der Krieg würde nur kurz währen. Als dann Kiew angegriffen wurde, lag er auf Wachposten. Er konnte die Stadt sehen und die Sonne und beobachtete, wie die deutschen Flieger über der Stadt kreisten, ihre Bomben abwarfen und schwarzer Rauch aufstieg. Er wunderte sich, dass die Angreifer unversehrt abdrehen konnten. Was war los mit Stalins Falken?

„Zwei Fragen entbrannten da in meiner Seele“, sagt Chomenko. Warum wehrt sich die Sowjetunion nicht? Und war alles nur Propaganda? „Es hieß doch: Wir sind die Stärksten der Welt! Und dann werden wir geschlagen.“ Immer wieder stellte er seine Fragen öffentlich, bis ein NKWD-Mann vor ihm stand Er wurde verurteilt zu 25 Jahren Lager am Ural. Nach Stalins Tod kam er frei. „Fünf Jahre sind aus meinem Leben herausgenommen worden“, sagt Chomenko, „aber es waren immerhin keine fünfundzwanzig.“ Über Jahrzehnte schwieg er und trug sein Wissen wie einen Schatten mit sich herum.

Kurz nachdem die Wehrmacht Kiew erobert hatte, sah Soja Krywytsch Plakate in den Straßen: Man solle nach Deutschland zum Arbeiten kommen. „Anfangs haben das manche freiwillig gemacht, um zu überleben“, sagt sie, noch immer eine schöne Frau. Sie trägt eine Bernsteinkette, ihr weißes Haar ist mit einer Spange zurückgesteckt. Eines Tages musste auch sie sich auf dem Lemberger Platz einfinden. Eine Lehrerin hatte den Deutschen die Liste mit den Adressen der Schüler verkauft.

 

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Im Zug ging es westwärts. Krywytsch wurde in eine Patronenfabrik bei Magdeburg verschleppt, wo sie in einem Lager mitten in der Fabrik lebte. Bald brannten ihre Finger vom Pulver. Sie magerte ab. Als sie nach Jahren von den Amerikanern befreit wurde, musste sie einen Monat lang ernährt werden. „Ich hätte es nicht zurück zu meiner Familie geschafft.“ Bis 1989 wussten nur Eltern und Bruder von ihrer Zeit in Deutschland. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches hat sich ihr Sohn ihre Geschichte angehört - und blieb erstaunlich gelassen. Im Jahr 2000 reiste sie mit einer deutschen Organisation nach Magdeburg. Die Fabrik war längst verschwunden, Reihenhäuser standen auf dem Gelände. Augenzeugen fand man keine. Niemand erinnerte sich an ein Lager.

 

 

 

 

Nachbemerkung

Für die Recherche bin ich acht Tage lang mit einer Übersetzerin durch den Westen der Ukraine gereist - und hatte dabei immer wieder Reporterglück: Ich wusste nie, was mich in einer Stadt erwartet und ob ich überhaupt einen Zeitzeugen kennenlernen würde. Schließlich hatte ich nie mehr als einen Tag lang Zeit. Dann ging es schon wieder weiter. Tatsächlich habe ich noch mehr Partisanen, Freischärler und SS-Männer getroffen, als ich am Ende in der Geschichte unterbringen konnte. Manche wollte einfach nur ihre Geschichte loswerden und noch einmal erzählen. Für meine Fragen interessierten sie sich eher weniger. Noch immer bin ich berührt, wie offen mir die Menschen begegneten. Auf das Buch von Gustav Schrodek hat mich mein Freund Maik Freudenberg hingewiesen.

 

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