Welche Erfahrungen machen ghanaische Studenten in Deutschland? Wie verändert der Aufenthalt ihren Blick auf die Heimat? Und wie schwierig ist es, sich wieder in die Heimat zu integrieren? Ein Gespräch mit fünf ehemaligen Stipendiaten in Ghanas Hauptstadt Accra

 

Gespräch: Dirk Liesemer
Fotos: Lennart Laberenz

 

Selorm, wie kommt es, dass Sie uns für das Gespräch in ein Hotel eingeladen haben?

Selorm Agbele Yeboah 0118 72

Selorm Agbele-Yeboah: Es gibt nur wenige ruhige Orte in Accra. Mittags sind viele Locations gut besucht, die Musik dröhnt laut und man wird ständig unterbrochen. Schließlich schlug einer von uns das Hotel vor. Es ist so still hier, dass man sich an Deutschland erinnert.

 

Wieso das?

Angela Odai: Mir fiel in Deutschland sofort diese extreme Stille auf. Es war halb sieben Morgens, ich stand am Göttinger Bahnhof, um zu meinem Deutschkurs zu fahren. Ich fragte mich, wo sind die Menschen bloß? Ich fühlte mich verloren. Doch dann stieg ich ins Taxi und der Fahrer brabbelte sofort los, er war voller Leben.

Mark Amaliya: In Deutschland hat man hat Zeit darüber nachzudenken, was man im Leben machen möchte. Hier in Ghana ist man gezwungen, sich zunächst einen Job zu suchen, was schwierig genug ist. Erst dann überlegt man, was man vom Leben will. Und anders als in Ghana finden sich in Deutschland immer Wege, um nebenbei ein wenig Geld zu verdienen – ganz gleich was man studiert. Dieses Konzept der Nebenjobs ist in Ghana unbekannt. Ich habe dadurch erst gelernt, die Initiative zu ergreifen und mir damit letztlich Überlebensstrategien angeeignet.

 

Es heißt, dass Entwicklungs- und Schwellenländer auf Menschen mit Auslandserfahrung angewiesen sind. Nur diese würden mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und Kontakten das Land voranbringen.

Selorm Agbele-Yeboah: Die Zeit im Ausland verändert einen. Man akzeptiert keine Entschuldigungen mehr, nimmt die Dinge ernster. Man will Wandel, auch wenn man weiß, dass anderswo auch nicht alles perfekt läuft. Doch für Rückkehrer ist nicht so einfach, im ghanaischen System aufzusteigen. Man muss sich bei relevanten Personen ein Gehör verschaffen.

Mark Amaliya 0337

Mark Amaliya: Manchmal kommen Ghanaer wie Fremde zurück in die Heimat. Sie ertragen etwa den Straßenlärm nicht mehr. Und die Leute denken, dass man jemand anderes geworden ist. Zum Glück gibt es ein Programm, das einem hilft, wieder zu Hause anzukommen. Langfristig wird es ein Netzwerk von Heimkehrern schaffen.

Angela Odai: Jeder von uns arbeitet gerne mit Ghanaern zusammen, die wie wir eine zeitlang im Ausland waren. Die Arbeit geht dann schneller und einfacher voran. Und es gibt ein gegenseitiges Verständnis dafür, wie die Dinge funktionieren sollten.

 

Gibt es schon eine solche Gemeinschaft von Heimkehrern?

Bismark Agyei Yeboah: Nicht wirklich, es waren noch zu wenige fort. Wir, die wir im Ausland waren, teilen unsere Erfahrungen. Man ist aber im Konflikt mit sich selbst, weil man sich im Ausland verändert hat – während sich das System nicht bewegt. Es fühlt sich an, als passe man nicht mehr so recht hinein. Daher ist es gut, mit Menschen zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen teilen.

Michael Nkansah: Wer Ghana nie verlassen hat, versteht einen nicht. Sie glauben einem nicht, wenn man sagt, dass auch im Ausland nicht alles rosig ist – und sie sind verständnislos, wenn man als Heimkehrer „nur“ neues Wissen mit nach Hause bringt.

 

Wenn ihr euren Familien von den Erfahrungen berichtet, welche Reaktionen gibt es dann?

Bismark Agyei Yeboah: Es ist schwer. Man glaubt hier nicht so einfach, dass anderswo die Dinge funktionieren. Ich war selbst überrascht, als ich einmal das Arbeitsamt aufgesucht habe. Ich konnte einfach hineingehen. Und die Leute dort hatten sogar Zeit mir zuzuhören (lacht). In Bonn hatte ich ein Erlebnis, das ich nicht mehr vergessen werde. Ich ging zur Vorlesung und sah, dass an der Treppe vor dem Gebäude zwei Platten fehlten. Nach der Vorlesung stand ich wieder auf der Treppe – und sie war repariert. Ich war schockiert! Jemand musste bemerkt haben, dass es ein Problem gab und es wurde sofort behoben. So etwas würde in Ghana nicht passieren. Wenn du die Straße vor dem Hotel entlang gehst, kommst du zu einem Pfosten mit elektrischen Kabeln, der vor Wochen abgeknickt ist. Alle warten darauf, dass ein Auto auf dieses Ding fährt und jemand stirbt. Erst dann wird jemand handeln. Okay, es gibt Leute, die sicherstellen sollen, dass unser System funktioniert. Sie werden dafür bezahlt, aber sie arbeiten nicht. In Deutschland verteidigt jeder seine Arbeit, hier sind die Leute dafür viel zu entspannt.

Angela Odai 0127 72

Angela Odai: Unser Kultur ist auf die Gemeinschaft hin orientiert. Das hat positive und negative Seiten. Man bewirbt sich etwa bei seinem Onkel für einen Job. Oft genug erhält man ihn, weil man miteinander verwandt ist. Weil es nicht um Kompentenzen geht, wird oft eben auch nachlässig arbeitet. Viele Menschen hier sind in Positionen, für die sie nicht ausgebildet sind. Und wer im Ausland war, hat es oft noch schwerer: Man gilt als nicht patriotisch genug oder privilegiert oder als Bedrohung. Dabei sind die meisten von uns, die ein Stipendien erhalten hatten, nicht die Kinder der sogenannten großen Leute. Wenn man aus dem Ausland zurückkommt, hat man den Eindruck, dass einen das System bekämpft. Man sieht ein Stellenangebot in der Zeitung, man bewirbt sich und wird auch eingeladen. Hundertmal durfte ich vorsprechen. Meine kleinen Ersparnisse habe ich für Taxis verschwendet, um zu den Terminen zu kommen. Einige Chefs hatten nicht einmal meinen Lebenslauf gelesen. Irgendwann begreift man, dass die Termine nur eine Formalität sind.

Mark Amaliya: Auch in Deutschland ist nicht jeder zufrieden. Aber man kann dort nachvollziehen, warum man kein Geld haben. Hier haben Leute einen Doktor und sogar im Ausland gelehrt, aber erhalten oft genug keine Arbeit. Andererseits kenne ich Menschen mit großen Titeln, aber nach einem kurzen Gespräch denkt man: Wie hat dieser Mensch nur diesen Job erhalten? Viele von uns wissen, dass sie anderswo in der Welt willkommen sind, vor allem wenn man die Sprache spricht. Auch die sozialen Lasten sind oft geringer anders als hier.

 

Wächst die Community derjenigen, die im Ausland waren?

Angela Odai: Wir haben drei Millionen Ghanaer im Ausland. Viele von ihnen wollen zurückkommen und zur Entwicklung beitragen. Aber oft haben sie keinen ghanaischen Pass mehr und damit kein Stimmrecht. Dabei sollten sie in der Lage sein, der Regierung zu sagen: „Hallo, wir wollen, dass A, B, C endlich getan wird.“ Vor allem die Ghanaer in Deutschland und den Niederlanden mussten nach 1992 auf ihre Staatsbürgerschaft verzichten und andere Staatsbürgerschaften annehmen. Doch die ghanaische Diaspora verschafft sich zunehmend über die Medien eine Stimme.

Michael Nkansah 0161 72

Michael Nkansah: Es gibt aber auch schon Erfolgsgeschichten, etwa das private Ashesi University College. Der Gründer arbeitete zehn Jahre lang als Ingenieur bei Microsoft. Dann kam er nach Ghana zurück. Anfangs wollte er ein IT-Programm an einer Universität in Ghana starten. Freunde rieten ihm aber, etwas Unabhängiges aufzubauen. Er ging zurück nach Stanford, machte einen Master of Business Administration und erforschte, was bei der Gründung einer privaten, non-profit University College in Ghana zu beachten ist. Heute kommen auch Studenten aus dem Ausland auf das College.

 

Bismark, würden Sie Ghana wieder verlassen?

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Bismark Agyei Yeboah: Nur für ein Studium. Aber nicht für die sprichwörtlich grünen Weiden, die ohnehin nicht existieren. Ich genieße mein Leben hier und es gibt wichtigere Dinge als Geld. Ich kümmere mich etwa um Jugendliche. Das war einer der Gründe, warum ich wieder nach Ghana zurückgegangen bin.

Selorm Agbele-Yeboah: Wir neigen dazu, die verrückten Momente zu vergessen, die wir in Deutschland hatten. Ich habe in einer WG in Berlin mit drei anderen gelebt. Einmal wurde ich krank und konnte mir den ganzen Tag nichts zu Essen besorgen. Keiner meiner Mitbewohner schaute nach mir. Das hat mich erschüttert. In Ghana würde so etwas nicht passieren. Ansonsten hat mich nur das Wetter schockiert – und junge Leute, die sich auf der Straße küssen. Michael Nkansah: Lustige Erfahrung. Ich erinnere mich, dass ich mit ihr in Berlin spazieren ging, als sie sah, wie sich ein Pärchen küsste – hu! Es war ihr so peinlich, dass sie sich verstecken wollte.

 

Wie hat sich in Deutschland euer Blick auf die Heimat verändert?

Selorm Agbele-Yeboah: Ich dachte: Afrika ist Afrika. Als ich in Deutschland erstmals einen schwarzen Mann sah, musste ich lächeln. Ich dachte da noch, dass alle Schwarzen in Afrika aufgewachsen sind. Das hat sich erst mit der Zeit geändert. Bismark Agyei Yeboah: Andererseits habe ich in Deutschland erkannt, was viele Afrikaner miteinander verbindet: Wir sind alle viel zu zurückhaltend. Da waren diese Studenten aus Chile und Argentinien, die unsere Professoren ständig herausforderten. Ich war wütend, dass diese Leute so viele Fragen in der Klasse gestellt haben. Einmal argumentierte einer der Chilenen mit dem Professor ständig hin und her. Da habe ich begriffen: Die Art, wie wir in Ghana und anderswo in Afrika unterrichtet wird, führt dazu, dass wir viele Dinge akzeptieren wie sie sind. Das wirkt sich auf unsere Gesellschaften aus. Wir stellen keine Fragen, selbst wenn wir etwas nicht verstehen, bleiben wir ruhig im Unterricht sitzen.

 

Die Gesprächspartner

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Selorm Agbele-Yeboah, 1981, war DAAD-Stipendiatin in Deutschland im Jahr 2009, um Master of Public Policy an der Hertie School of Governance zu studieren. Sie arbeitete als Beraterin bei der GIZ in Eschborn und in Kenia. Später wurde sie GIZ-Projektbeauftragte in Ghana, um das Kofi Annan International Peacekeeping and Training Center bei der Ausbildung von Polizeibeamten für die Friedensmission zu unterstützten. Jetzt arbeitet sie für NGOs.

 

Angela Odai 0147 72

Angela Odai, 1980, war mit einem DAAD-Stipendium an der Universität Osnabrück, wo sie Public Policy und Good Governance von 2009 an für zweieinhalb Jahre studierte. Heute arbeitet sie als Beraterin in Ghana für das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Regionale Integration (Ministry of Foreign Affairs and Regional Integration).

 

Bismark Agyei Yeboah 0311 72

Bismark Agyei Yeboah ging im Februar 2010 nach Deutschland und studierte Agricultural Resource Management in the Tropics and Subtropics. 2012 kehrte er nach Ghana zurück und arbeitet nun als Berater des GIZ Market Oriented Agriculture Program (MOAP).

 

Michael Nkansah 0261 72

Michael Nkansah studierte mit einem DAAD-Stipendium an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Heute ist er Gesellschafter und Direktor eines Unternehmens, das Lebensmittelgeschäfte beliefert.

 

Mark Amaliya 0393 72

Mark Amaliya war von 2010 bis 2012 in Deutschland, zunächst an der Willy-Brandt-Schule der Public Policy in Erfurt. Derzeit ist er ein Doktorand an der Universität Tübingen und absolviert einen Deutschkurs in München. Zuvor arbeitete ich als Mitbegründer und Forschungsdirektor am Mutatio Institut in Accra.

 

Das Gespräch wurde im Oktober 2015 während einer Recherchereise von journalists.network in Ghana geführt und von den Gesprächspartnern aktualisiert.