Als Claim steht schon draußen auf dem Schild unter dem Namen Dahlmanns Bazar: Die Welt der Inseln. Ein passender Ort also für eine Lesung aus dem Lexikon der Phantominseln. Dahlmann heißt hier übrigens niemand. Eigentlich sollte das Geschäft nur Bazar heißen, aber die Inhaber Volkmar Billig und Marlen Melzow wollten noch einen Schwenk ins Literarische und erinnerten sich an den Roman Der Süden des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges. Er handelt von einem Bibliothekar Juan Dahlmann, der in Argentinien lebt, aber dessen Wurzeln nach Deutschland reichen. Und Bücher werden hier in diesem Geschäft ja auch verkauft. 

Volkmar Billig und Marlen Melzow haben das Geschäft vor zwei Jahren gegründet. Sie lebten zuvor in Dresden - er als Kurator, sie als Grafikerin - und wollten auf Rügen noch einmal neu anfangen, was nicht nur mutig, sondern auch großartig ist, weil viel Arbeit aufs Detail verwendet wird wie schon das Plakat für die Lesung zeigt (siehe unten).

Es wurde voll, mehr als vierzig, vielleicht fünfundvierzig Leute. Vorne saßen ältere Damen, dahinter ihre Männer. Man hockte an der Theke, vor den Weinregalen, zwischen den Büchertischen. Ich selbst saß auf einer Art Podium vor einem Fenster, ein kleiner runder Tisch, eine Lampe, kein Mikrophon, aber ich hatte ja extra wochenlang Sprechtraining genommen.

So las ich meine Geschichten vor über Antilia, Baltia (klar, liegt ja irgendwo in der Ostsee), Byers und Morrell, die Bouvet-Gruppe (eine meiner Lieblingsphantominseln, zudem wird Rügen erwähnt), Rupes nigra, Phélipeaux und Pontchartrain und noch einige andere. Hin und wieder reichte ich eine Karte herum, auf der eine Insel verzeichnet ist. Und plauderte Geschäftsgeheimnisse aus, etwa wie man so ein Buch recherchiert und wie lange man daran arbeitet. Nicht einmal in der Pause ist jemand abgehauen, was hier mal festgehalten werden soll, grins.

Es wurde immer später und am Ende ein längerer Abend. Ein paar Bücher mussten unterschrieben werden, für den Sohn etwa, der gerade auf großer Reise ist. Auch ein Journalist saß im Publikum, ein ehemaliger Redakteur der Berliner Zeitung, mit dem man sich so ausgiebig wie wehmütig über Journalismus unterhalten konnte. Und mit Volkmar Billig ließ sich beim Wein (von der Insel Sizilien) perfekt über Inseln fachsimpeln. Er hatte seine Dissertation über Eilande geschrieben, die vor einigen Jahren bei Matthes & Seitz veröffentlicht wurde ("Inseln. Geschichte einer Faszination"). Unter anderem kommt dort auch eine Phantominsel vor: Kantia. Erst an diesem Abend stellte sich dann auch heraus, dass ich sein Buch sogar in meinem Quellenverzeichnis aufgenommen hatte.

Am nächsten Tag ging es dann in den Urlaub - auf die Insel Hiddensee.

 

 

 

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