Du lebst ja jetzt im Osten, meinte der Kollege aus der Redaktion. Dann mach doch mal eine Geschichte über die Stasi, nicht über die Opfer, sondern mal über einen der Mitarbeiter. So begab ich mich in Leipzig auf eine Suche, die immer länger wurde.

Es ist ziemlich schwer, mit Stasi-Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Man kann nicht einfach googlen und irgendwo anrufen. Von den einst 2401 Hauptamtlichen Mitarbeitern der Bezirksstelle Leipzig ist heute keiner mehr auffindbar. Weder Gespräche in der Leipziger Stasi-Unterlagen-Behörde noch im Museum in der Runden Ecke, im Zeithistorischen Forum oder mit Pfarrer Rolf-Michael Turek, der nach 89 einen Gesprächskreis mit Opfern und Tätern leitete, führten weiter. Kein Stasi-Mann hatte sich je gegenüber Opfern, Zeitzeugen oder Institutionen zu erkennen gegeben.

Im Netz stieß ich nach einiger Suche dann doch auf Kontakte zu drei ehemaligen Hauptamtlichen, deren Klarnamen sich unter anderem auf Schautafeln im Museum an der Runden Ecke finden: Manfred Hummitzsch, der ehemalige Leipziger Bezirksleiter, verstorben kurz vor Beginn meiner Recherche, sowie zwei weitere einst leitende Mitarbeiter, bei deren Namensnennung man heute aus juristischen Gründen vorsichtig sein muss. Sie antworteten zwar auf E-Mails, sagten aber nichts und wollten - auch fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR - auf keinen Fall ein Treffen. Als ich einen trotzdem in seinem Büro aufsuchte, fand nur Geplauder statt. Nicht einmal der Stasi-Interessenverband MfS-Insider, dem es um bessere Renten und gesellschaftliche Anerkennung geht, wollte mit mir über die frühere Arbeit sprechen. Mit der "Systempresse" von P.M. History werde niemand sprechen, hieß es. Immerhin wurde ich auf autobiografische Texte aufmerksam gemacht, die auf der Internetseite des Verbandes verlinkt sind.

Schließlich stieß ich im Archiv einer Leipziger Stiftung auf die öffentlich zugängliche Akte von Erich Loest, in der viele Namen von einstigen Hauptamtlichen stehen. Loest war einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Viele Jahre lang wurde er von der Staatssicherheit überwacht, zuweilen sogar noch nach seiner Übersiedelung in den Westen. Schon kurz nach dem Fall der Mauer kam er, wie auch immer, an einen großen Teil der Akten, die er in dem Buch Die Stasi war mein Eckermann veröffentlichte. Darin finden sich auch die Klarnamen der Hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter, die ihn und seine Familie einst in Leipzig überwachen ließen. Während Loest ehemalige enge Bekannte, die als Inoffizielle Mitarbeiter gearbeitet hatten, zur Rede stellte, traf er keinen der Hauptamtlichen Mitarbeiter. Sie waren nicht mehr auffindbar.

Vor einigen Monaten habe ich mich auf die Suche nach dem Mann gemacht, den Loest in seinem Buch als Hauptüberwacher bezeichnete und mit Nachnamen benannte. Wer war dieser Mann, wie dachte und lebte er, und wie sieht er heute seine frühere Arbeit für die DDR? Es lässt sich heute nicht einmal mehr herausfinden, wo im ehemaligen Stasigebäude an der Runden Ecke sein Schreibtisch oder auch nur seine Abteilung war.

Ich konnte die Geschichte über Loests Überwacher trotzdem schreiben: Denn die Staatssicherheit legte nicht nur Akten über ihre Opfer, sondern auch über ihre Mitarbeiter an. Die sogenannte Kaderakte von Loests Hauptüberwacher umfasst rund sechshundert Seiten. Sie enthält neben dem Lebenslauf samt Foto, diverse Zeugnisse, Berichte, auch eine Liste mit Medaillen und Geldprämien. Zudem fand sich in der Akte Loest ein handschriftlich verfasster Bericht. Die Leipziger Grafologin Irene Altmann analysierte die Handschrift analysiert und entwarf ein Charakterbild. Mein Text ist unter dem Titel Ab 7.50 Uhr ist Ruhe im Objekt erschienen, P.M. History, Juli 2017.