Meditation: Der ungarische Autor György Konrád verfasst mit „Das Buch Kalligaro“ ein Werk, das nach Abschied klingt

Kalligaro ist ein alter, leicht verwirrter, ehemaliger Präsident der Berliner Akademie der Künste; er ist gefragt, aber müde und seiner Rolle überdrüssig. Oft versonnen, mal ironisch, zuweilen grüblerisch erzählt er, wie er trotz aller Verfolgung und Überwachung, seinen Weg gefunden hat und Stadtsoziologe, Flaneur und Literat wurde - allein, der Zufall des steten Davongekommenseins wird noch heute von jähen Todesahnungen gespiegelt: Was, wenn ihm jetzt eine Wespe in den Mund fliegt und der Stich tödlich ist?

Es ist ein ruhiges und überrascht locker verfasstes Werk voller Aphorismen, das György Konrád jetzt vorgelegt hat: Von der Jugend im ostungarischen Berettyóújfalu über seine Zeit als Schriftstellerpräsident spürt er seinem Leben bis ins Heute nach. Dabei ist die Lektüre weder eine klassische Autobiographie noch ein ausgeklügelter Roman; es treffen sich Biographie, Zeitgeschichte und Philosophie und werden postmodern verrätselt: Selten ist klar, was wirklich und was phantasiert ist.

Der Erzähler erfindet die Figur Kalligaro, um nicht immer Ich sagen zu müssen, und stülpt ihr den Lebenslauf Konráds über. Kalligaro, geboren 1933, hat eine heitere Kindheit, in der Schule aber erlebt er, wie seine jüdischen Schulkameraden deportiert werden - er selbst hat Glück und entwischt. Später, 1956, nimmt er in Budapest an den revolutionären Ereignissen teil, in seinem Schrank versteckt er eine Pistole. Als Student erst lebt er auf: studiert Literatur, übersetzt und spottet auf seinen Spaziergängen über Buda, schwärmt von Pest, den Frauen und dem Kognak.

Eine atemlose Zeit muss das für ihn gewesen sein. Aber schon hier zeigt sich Kalligaro eher als Chronist, denn Protagonist der Geschichte. In den sechziger Jahren beginnt er zu schreiben und fällt auf: der Welt als Literat, dem Sicherheitsdienst als Dissident. Die Paranoia, bespitzelt zu werden, hat er mittlerweile abgelegt, im Buch finden sich nur noch wenige, eher ironische Andeutungen.

In den Achtzigern reist Kalligaro mit einem Stipendium nach New York. Nicht viel später ist er anerkannt und wird dekoriert als Romancier, Essayist und politischer Kopf; ein Kosmopolit, der von Konferenz zu Konferenz jettet, Berlin, Paris, Tokio: Ehrungen, Eitelkeiten, Empfänge - bis Selbstentfremdung eintritt. Nun, schreibt er, wolle er sich ins Private zurückziehen und sich - wie Voltaires Candide - dem Garten widmen. Nach und nach blendet der Erzähler alle anderen Figuren aus und bleibt sich selbst überlassen.

Kalligaro verkörpert die öffentliche Seite György Konráds, er ist Präsident, Redner und wohl auch der Antipolitiker, als den sich Konrád einst bezeichnete. Von Kalligaro aber möchte sich Konrád - im Sinne des Wortes - losschreiben. Ein paradoxes Unterfangen, denn als Schriftsteller ist Konrád immer auch ein öffentlicher Mensch. Schon des öfteren hat er Figuren entworfen, denen der Leser andichten konnte, dass sie dem Autoren entsprechen: etwa Dragoman. In arabischen Ländern wurde ein sprachkundiger Reiseführer als Dragoman bezeichnet; in Konráds Büchern war er eine vor Kraft und Lebenswillen überschäumende Phantasiegestalt und eine kunstvolle Projektion romantischer Sehnsüchte nach Freiheit und Ungebundensein.

Wie gut passte doch dieses Pathos zu Konráds Vorstellung eines die Blöcke überwindenden Mitteleuropas! In Essays beschrieb er den Intellektuellen - und damit sich selbst - als einen Antipolitiker, der nicht nach Macht strebe, sondern Öffentlichkeit suche, um dieser einen neuen, einen dritten Blick" auf die Wirklichkeit zu eröffnen. Auf dass sich die Gesellschaft verändere. Nun da dies geschehen ist, zieht sich sein Alter Ego Kalligaro aus der Öffentlichkeit zurück. Schon das Wort Kalligaro habe der Erzähler - ganz provinziell, ganz Candide - auf Brunnenkränzen und Tränkrinnen eines Dorfes im Osten Ungarns gefunden.

Vielleicht ist Kalligaro ein Wortspiel. Schließlich klingt es auch nach Kalligrafie, der Kunst des Schönschreibens. Ein Spiel treibt Konrád jedenfalls mit dem Leser: Die eigentliche Handlung des Buches, erklärt er auf den ersten Seiten, bestehe aus jener psychischen Ereignisreihe, die man durch die anregende Wirkung des Textes erfahre. Eine Art literarisch-psychedelischen Dialogs: Wie viel Persönliches erfährt man? Wo versteckt sich der Autor hinter seinem Alter Ego? Wann lugt er hervor? Nun, vielleicht dort, wo er gegen Ende des Buches unvermittelt Hans-Henning Paetzke erwähnt, Konráds langjähriger Übersetzer - die Stelle liest sich wie eine Tagebuchnotiz, so authentisch und persönlich. Ein Versatzstück, nicht das einzige, das irritiert.

Anders als die Romane Der Komplize (1980) oder Geisterfest (1986) widmet sich Das Buch Kalligaro weniger der Jugend des Autors oder gar dem Weltkrieg, sondern der Erfahrung des Alterns und des Rückblicks auf die vergangene, für ihn relativ unpolitische Dekade. Dabei blickte Konrád stets auf sein Leben und schrieb es ein wenig um. Buch für Buch änderten sich Ton, Perspektive und Botschaft mehr oder weniger geringfügig. Wiederholung ist die Mutter der Welt, gewürzt mit wenigen Mutationen. Schreiben ist Rausch, verbale Wahrnehmung der Welt. Konrád schreibt, wie die Impressionisten malten: immer dasselbe Motiv; das Ergebnis variiert je nach Stimmung, Jahreszeit und Wetter. Es ist, als lege Konrád mit jedem Werk, das er verfasst, eine neue Textschicht über seine Leben, als deute er es stets um und als aktualisiere er schreibend sein Selbst.

Einer der intensivsten Abschnitte im aktuellen Buch schildert einen Besuch im Konzentrationslager Auschwitz. Es sei völlig uninteressant, meint Kalligaro, was in den Seelen Himmlers oder Eichmanns vorging. Ihn bewege vielmehr die Frage, was die Juden wohl beim Anblick des Lagers gedacht haben müssen. Doch ein politisches Buch ist es nicht, denn dafür sind die Passagen über die Revolutionen von 1956 und 1989 und die Skizzen über den Sozialismus zu kurz - und schließlich will sich der Erzähler ja auch in seinen Garten zurückziehen.

In Das Buch Kalligaro entwickelt Konrád eine Form weiter, die er seit seinem Erstlingswerk Der Besucher (1969) pflegt und die ihn weltbekannt machte: Kurze Beobachtungen - zuweilen wie burleske Szenen aus Emir Kusturica Filmen - verdichtet mit wilden Assoziationen, kurzen Essays, klugen Reflektionen und phantastischen Gedankenspielen. Erzählt wird seltener chronologisch, meistens rhapsodisch. Nicht ganz neu, aber auf die Spitze getrieben ist die extreme Kürze der Kapitel, die der Form nach wie Tagebucheinträge oder kurze Gespräche aussehen: 219 Kapitel, die meisten kaum länger als eine Seite - eine Erzählung in Fragmenten. Solch eine lockere Komposition erinnert an gescheite Kaffeehausplaudereien ohne Ziel und Zweck.

Für den roten Faden sorgt allein Konráds Alter Ego: Vorstellungen aus geordneten Bildern, Teile eines umfassenden Bildes, locken Kalligaro an; ein ausgewählter Eros entscheidet, was wohin gehört. Auf den ersten Blick schien es, als habe sich Konráds Wunsch aus Melinda und Dragoman (1991) erfüllt: Ein Buch zu schreiben, dessen Abschnitte sich wie in einem Dossier ständig neu ordnen lassen. Doch dafür ist dieser Text zu klar konzipiert: einer Reflektion über das Schreiben folgt der Blick auf sein Leben, schließlich dessen Deutung.

Es ein Buch, das nach Abschied klingt, keinem bitteren oder wehmütigen, eher einem ruhigen, fast heiteren. Konrád hat es denn auch verfasst, in der Wonne des Daseins und Noch-Daseins, befreit von der ganzen unruhigen Menschheit, auch von sich selbst, dem wollenden Wesen. Geschrieben ist es in der Freude, wie Konrád im Buch bemerkt, dass er in sein Thema hineingeboren wurde und über die Rahmenbedingungen seiner Tage als idiotische und phantastische Geschichte nachdenken könne. So ist es im Ton gelöst, ohne abgeklärt zu sein, in der Form gewohnt assoziativ, ohne beim Lesen allzu sehr anzustrengen, und im Stil so innig erzählend wie nachsinnend zugleich.

György Konrád: Das Buch Kalligaro. Suhrkamp, Frankfurt am Main. 285 Seiten, 2007. 22,80 EUR
Buchkritik, erschienen in: der Freitag, 2. November 2007