Nach Granatangriffen zittern Tausende von Soldaten am ganzen Leib, manche verlieren den Verstand. Die Psychiater halten sie für Feiglinge und greifen zu brutalen Methoden - bis hin zu Folter

 

Anfang 1916 besucht Alexander Range seine Eltern und Geschwister in Düsseldorf. Seit zwei Jahren ist er Soldat und als Maschinengewehrschütze an der Westfront eingeteilt. Die Familie erlebt einen ungewöhnlich nervösen Sohn und beginnt, sich zu sorgen - war Alexander doch immer ein "gesunder, ruhiger, kräftiger Bursche", wie der Vater später der Psychiatrischen Klinik Heidelberg mitteilen wird.

Doch die eigentliche Katastrophe geschieht erst in den Monaten nach dem Heimaturlaub. Range muss an die Front zurück und wird bei einem Angriff verschüttet. Er bleibt körperlich fast unverletzt. Aber er zittert fortan und wird ins Reservelazarett Villingen im Schwarzwald gebracht. An welchem Tag er das berüchtigte Lazarett erreicht, was dort geschieht und wie lange er vor Ort bleibt, wird er vergessen. Es lässt sich nur aus anderen Berichten ableiten. Vielleicht war er auch nicht in Villingen, sondern in Hornberg oder Triberg. "Bei der Erwähnung dieser Lazarette zeigt sich ein ganz besonderer Affekt, der sonst nie bei ihm hervortritt", heißt es im Arztbericht, der in Heidelberg verfasst wird. Es bedeutet, dass der Gefreite Range weint.

Tausende von Soldaten werden wie Range an der Front verschüttet. Sie können kurzzeitig nicht mehr atmen, wähnen sich schon tot, als sie im letzten Moment wieder Luft bekommen. Fortan zittern sie, krampfen, erbrechen sich, nässen ein, verstummen, werden irre. "So schor sich ein Soldat ein Kreuz ins Haupthaar, um angeblich gegen Fliegerbomben gesichert zu sein", berichtet ein Mediziner. "Ein anderer brachte bei seiner Aufnahme einen Frosch an der Leine mit und sagte, dass sei ein Bär. Einige tranken Tinte und erklärten dieselbe für guten Wein."

Laut Heeressanitätsbericht leiden 613.047 Soldaten im Ersten Weltkrieg an einer Form von Nervenkrankheit. Oft ist es nur ein Reizmagen. Oft aber auch unkontrolliertes Zittern. "Das Gros" der Verschüttungskranken, so notiert der beratende Chirurg des VII. Armeekorps an der Westfront, Fritz F. O. Kayser, stellten "die 'Nervenversager'". Er beobachtet "Lidflattern, örtliche und den ganzen Körper ergreifende Zitterbewegungen, in schweren Fällen außerdem Krämpfe, Lähmungen eines oder mehrerer Glieder mit oder ohne Gefühlslähmung, Reizzustände einer Körperhälfte oder bestimmter Muskelgruppen, Blasenstörungen". Medizinhistoriker gehen von 200.000 Kriegsneurotikern aus, allein für das Deutsche Reich.

In den Lazaretten hinter der Front arbeiten nicht nur Chirurgen und Anästhesisten, sondern auch Psychiater. Anders als ihre medizinischen Kollegen suchen die Seelenärzte nach Diagnosen und Therapien. Nie zuvor hat es Kriegszitterer gegeben. Erst der Stellungskrieg bringt dieses Krankheitsbild hervor. Die Soldaten können nicht vor, nicht zurück. Sie sind Gefangene der Gräben und müssen ihren menschlichen Fluchtinstinkt unterdrücken. Wie ein Virus scheint sich die Krankheit auszubreiten. Ganze Kompanien fallen aus. Weil es keine äußerlichen Verletzungen gibt, gehen bald immer mehr Mediziner von einer Willensschwäche aus. Noch ist das Gehirn kaum erforscht.

Es gilt daher die Patienten zu disziplinieren. Sie werden in Dunkelzimmer eingesperrt, teils wochenlang. Oder müssen feuchtkalte Dauerbäder ertragen, wohwissend, dass diese erst bei Symthomfreiheit beendet werden. Es gibt auch Röntgenbestrahlungen und Scheinoperationen unter Äthernarkose. Verstummten Soldaten soll mithilfe einer Sonde geholfen werden, die in die Kehle eingeführt wird. Wenn sich der Kehlkopf dann plötzlich schließt, gerät der Patient in Erstickungspanik - und stößt reflexartig einen Schrei aus. Die Mediziner deuten dies als eine Form des Sprechens und erklären den Patienten für geheilt.

Zwar hat das Kriegsministerium angeordnet, dass sich ein Soldat mit gefährlichen Methoden einverstanden erklären muss. Doch Ferdinand Kehrer etwa, Ordinarius an der Psychiatrischen Universitätsklinik von Freiburg, meint: "Ich kann angesichts dieser Entscheidung aber auch rein ärztlich keine Gründe mehr erkennen, die es uns nahelegen könnten, die Einwilligung des Kranken zu einer bestimmten Kur einzuholen." Es entspreche "nicht der Schwere des geschichtlichen Augenblicks, die Wahl der Methode von ästhetischer Weichfühligkeit oder pseudomoralischer Bedenklichkeit abhängig zu machen."

Mitte September 1916 treffen sich die deutschen Kriegspsychiater zu einer Tagun. Nur wenige sind noch überzeugt, dass es eine körperliche Ursache, etwa an den Nervenbahnen, gebe. Am Ende setzt sich die Meinung des Tübinger Ordinarius für Psychitarie, Robert Gaupp, durch. Er hält Kriegszitterer für willensschwache Simulanten, die ihr Leben mehr schätzten als das Vaterland. Wie ein trotziges Kind müsse der Patient mit strenger Hand behandelt werden. ...

 

... die ganze Geschichte in P.M. History 01/2016