Alan Escreet mag keine Tentakelfrauen. Das sagte er ihr gleich zu Beginn. Noch im Bett wüchsen ihnen plötzlich überall Arme aus dem Körper. Sie würden einen umschlingen, damit man nicht mehr fliehen könne. Er sagte, er sehne sich nach Partnerinnen, am liebsten mehreren gleichzeitig, aber für keine werde er seine Freiheit aufgeben. Den Fehler begehe er nicht noch einmal. Agathe Schmidt hörte ihm zu und war erleichtert. Sie sei genauso, erwiderte sie. Er müsse ihr nichts erklären.

„Wir passen einfach gut zusammen, sagt Alan Escreet, 37, in einem lichten Café am Sendlinger Tor in München. Es ist ein sonniger Samstagmorgen. Menschen kommen herein, scherzen laut miteinander, bestellen Brötchen, trinken Espresso. Neben ihm sitzt Agathe Schmidt, 29, und ist sich sicher: „Alan ist mein Glücksfall.

Seit Februar sind die beiden zusammen, treffen sich nun zum dritten Mal. Schmidt kam gestern mit dem Bus aus Wien an, wo sie lebt und eine Doktorarbeit in Germanistik schreibt. Es war mittags, und Escreet musste noch arbeiten. Kein Problem. Sie besuchte ihren zweiten Münchner Partner. Rund um die Uhr mit einem Menschen zusammenzusein, das halte sie nicht aus. Deshalb hat sie Alan schon am Telefon klar gemacht: „Okay, wir teilen das Wochenende auf, erst der andere, dann du.

Escreet war einverstanden. Eifersüchtig, sagt er, sei er ewig nicht gewesen und Teller habe er auch nie geworfen. Und sie sagt: „Die Liebe ist ein unendlich großer Kuchen. Je mehr Stücke man verteile, desto größer werde der Kuchen.

Schmidt und Escreet leben polyamor wie viele Tausend Menschen in Deutschland. Der Begriff Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort „poly“ (viele) und dem lateinischen „amor“ (Liebe) zusammen. Polys, wie sie sich selbst nennen, führen offen mehrere Beziehungen gleichzeitig. Ihre Partner wissen Bescheid und kennen zuweilen sogar den Freund oder die Freundin des anderen. Ein Szene-Blogger beschreibt Polyamorie als eine Liebesform, „bei der jeder mit jedem oder fast jedem eine Beziehung hat, die Partner also gewissermaßen wie Gehirnzellen miteinander vernetzt sind.“ Liebe ohne Grenzen. ...

 

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Erschienen in: FOCUS Magazin, Nr. 26/2015
Foto: Nils Schwarz