„Man muss langfristig planen“, sagt Renae Adam, „auf Jahrzehnte.“ Sie selbst habe das mit den Jahren erst lernen müssen. Mit Anfang 20 kam die Amerikanerin erstmals für ein paar Monate als Freiwillige des US-Friedenscorps nach Ghana. Das war 1990. Den Frauen auf dem Land brachte sie damals neue Methoden im Nähen und Batiken bei. Auch eine Genossenschaft für die Näherinnen gründete sie mit. Denn nur wenn man Frauen unterstützt, so eine Lehre aus der Entwicklungshilfe, komme ein Land wie Ghana voran. Frauen sorgen sich um Kinder, Schulbildung, Essen, Ordnung.

Zehn Jahre später, im Jahr 2000, flog Renae Adam erneut nach Ghana. Wie mochte sich die Genossenschaft entwickelt haben? Wie sehr konnten die Frauen ihre Einnahmen, ihre Fertigkeiten verbessern? Adam war gespannt. „Doch es hatte sich nichts getan“, erzählt sie. Dann traf sie eine Entscheidung, die ihr Leben umkrempeln sollte: Sie verschrieb sich Ghana, um in diesem Land die Idee der Genossenschaft voranzutreiben.

Mit einer Freundin, Kristin Johnson, die 1990 ebenfalls als freiwillige Helferin nach Ghana kam, gründete sie Global Mamas: eine NGO, die Produkte von Kooperativen vermarktet, Kleider etwa oder Sheabutter, ein Rohstoff für Seife und Lippenstifte. Die Global Mamas setzen sich für faire Löhne und geringen Einsatz von Chemikalien in den Kooperativen ein. Ein Modell, das in Ghana bislang als eher ungewöhnlich galt.

Renae Adam lebt heute mit ihrem Mann und zwei Adoptivkindern in einem Haus am Rande eines gutbürgerlichen Viertels von Accra. Ihre Geschäftspartnerin kehrte in die USA zurück, um dort den Vertrieb aufzubauen. Das Startkapital von 15000 US-Dollar kam aus eigenen Ersparnissen.

Mittlerweile gehören den Global Mamas einige Dutzend Kooperativen an, in denen sich über 500 „Mamas“ zusammengeschlossen haben. Sie nähen und weben, stellen Batiken her, Seife und Schmuck. Zunächst nur an einem, heute bereits an neun Standorten in Ghana, vor allem im Süden des Landes. Die Arbeiterinnen in Orten wie Ajumako oder Odumase Krobo verdienen relativ gut, sie können von ihrem Lohn ihre Familien versorgen und Pläne für die Zukunft schmieden.

Das Netzwerk könnte zwar größer sein; im Norden Ghanas wollen sich weitere Kooperativen anschließen. Aber Adam will nichts überstürzen, sondern erstmal die bestehende Produktion verstetigen. Um langfristig erfolgreich zu sein, müssten die Kooperativen ihre Arbeiter laufend fortbilden: von neuen Nähtechniken über Geschäftstraining bis zur Frage, wie man eine E-Mail versendet.

Renae Adam führt in ihr großräumiges Büro. In der Mitte ein langer Tisch, darauf ein Rechner, drumherum etliche Kartons mit Kleidern. Aus einem zieht sie ein Hemd hervor, prüft die Nähte, zieht lose Fäden heraus. "Muss ich zurückschicken", sagt sie. Obwohl manche Kooperativen seit Jahren für die Global Mamas arbeiten, fallen beim Qualitätscheck noch immer viele Teile durch, nicht immer werden Liefertermine auch eingehalten.

Doch all das sind eher kleine Ärgernisse. Insgesamt wirtschaften die Global Mamas erfolgreich. Seit ihrer Gründung haben sie ihre Verkäufe von Jahr zu Jahr steigern können. Verschifften sie ihre Waren anfangs noch in ein paar Koffern, finden die etwa 200 verschiedenen Produkte heute Abnehmer auf der ganzen Welt. Knapp 380 Geschäfte haben sie im Angebot, die meisten davon in den USA. "Ich denke, die Einkommen der Kooperationen sind für die nächsten zwanzig Jahre sicher", sagt Adam und weiß, dass sie noch ein paar Jahre bleiben wird.

Ghana entwickelt sich seit Längerem zum Guten. In Westafrika gilt das Land als vorbildliche Demokratie und verlässlicher Rechtsstaat - ganz anders als Nachbarländer wie die Elfenbeinküste oder Burkina Faso. Analysten hatten Ghana schon vor Jahrzehnten auf einem Entwicklungspfad wie Thailand, Malaysia oder sogar Südkorea gesehen. Doch erst seit ein paar Jahren wächst die die Wirtschaft auf anhaltend hohem Niveau, nicht zuletzt weil vor der Küste größere Ölfunde gemacht wurden. Allerdings lassen die globalen Konzerne, die sich in der Ölförderung oder im Goldabbau tummeln, nur wenig Geld im Land.

Initiativen wie die Global Mamas, die an traditionelle Produktionsweisen anknüpfen, haben damit eine gute Chance, das Land nachhaltig zu prägen. Noch aber ist die Szene der Sozialunternehmer überschaubar. Einen Verband sucht man vergebens. Immerhin gilt Ghana als guter Ausgangspunkt für Sozialunternehmer, um Westafrika kennenzulernen: Es gibt kooperative Behörden, ein starkes Umweltministerium, aufgeschlossene Politiker. Das Bundeswirtschaftsministerum und die ihm zugeordnete Germany Trade & Invest (GTAI) zählten Ghana im März zu den sechs Top-Exportmärkten 2014, die eine verstärkte Aufmerksamkeit der deutschen Exportwirtschaft verdienen.

 

... der ausführliche Länderreport in enorm 02/2014

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