Es ist tropisch schwül an diesem See, der sich vor 328 Millionen Jahren im Süden des Nordkontinents Laurussia erstreckt. Urtümliche Nadelbäume und mächtige Farne säumen die Ufer, meterhoch ragen sie in die dunstige Luft. Ein Wald aus Schuppenbäumen überzieht die Hänge eines Vulkans, dessen Asche den See vermutlich vom Meer abgetrennt hat. Erstmals in der Geschichte breiten sich auf den Erdteilen - neben Laurussia gibt es noch den Südkontinent Gondwana - üppig bewachsene Landschaften aus. Spuren eines dieser Lebensräume finden sich später unweit des heutigen Edinburg in einem Kalksteinbruch.

Dort liegen versteinerte Pflanzenreste sowie Fossilien von Spinnen, Skorpionen und urtümlichen Reptilien, die einst am Ufer jenes Sees lebten; dessen Überreste haben sich im Lauf de Jahrmillionen aufgrund der Kontinentalverschiebung ins heutige Schottland bewegt.

In dem urtümlichen Gewässer ziehen in jener Zeit vor 328 Millionen Jahren Stachelhaie auf der Suche nach Nahrung ihre Runden. Winzige Tausendfüßler krabbeln am Ufer über den Schlamm. Und Spinnentiere, deren acht lange, haarfeine Beine einen länglichen Leib tragen.

Auf abgestorbenen Baumstümpfen sonnen sich Kriechtiere, die an Eidechsen erinnern. Und auf den Felsen rings um den See lauern 50 Zentimeter lange Lurche: plump anmutende Räuber, deren muskulöse Füße sich an den feinen Rillen im Kalkstein festkrallen. Bis ein unvorsichtiges Tier vorbeistreift. Dann schnellen die Jäger nach vorn, beißen mit scharfen Zähnen zu und schlingen ihre Opfer hinunter.

Im Schatten des tropischen Waldes pirschen bizarre Kreaturen durch das modrige Laub: Es sind 80 Zentimeter lange Skorpione, die mit sechs Augen durch das Dickicht spähen. Ihre Lunge tragen die Gliederfüßer im Hinterleib, der sich gleich einem Akkordeon aufpumpt und wieder zusammenzieht und so Luft ein- und ausatmet.

Nicht nur hier, im Süden Laurussias, breiten sich zu jener Zeit üppige Lebensgemeinschaften auf dem Land aus. Auf dem gesamten Kontinent, der das heutige Europa und Nordamerika umfasst, gedeihen dichte Wälder, treiben Schachtelhalme ihre Wurzeln in den Boden, streifen Tiere durch Sumpflandschaften, machen Jagd aufeinandern - und die Natur sprießt längst auch auf den östlich gelegenen Landmassen Baltica und Siberia. Selbst den teils von Gletschern überzogenen Südkontinent Gondwana besiedelt eine reiche Flora und Fauna.

Es ist, als seien die Kontinente schon immer ein Lebensraum gewesen, als hätten seit jeher Pflanzen das Erdreich durchwurzelt und ihr Blätterwerk zur Sonne gereckt, als hätten Tiere schon immer Luft geatmet.

Doch das täuscht. Mehr als zwei Milliarden Jahre lang war das Land zuvor für jeden Organismus auf Erden nichts mehr als eine Todeszone. Denn anders als im Meer, wo das Leben einst entstanden ist und sich entfaltet hat, wirken auf dem Trockenen Kräfte, die denkbar lebensfeindlich sind. Im Wasser sind Tiere wie Pflanzen förmlich schwerelos, sie werden gleichsam getragen, denn ihr Körper hat ungefähr die gleiche Dichte wie das umgebende Medium. Auf dem Land hingegen zieht die Schwerkraft an jedem Körper ...

 

... die ganze Geschichte in GEOkompakt Nr. 23 

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