Sie wandern Tausende von Kilometern an den Küsten Südostasiens entlang - bis sie auf eine scheinbar unüberwindliche Barriere stoßen. Doch dann wagen die Pioniere das Ungeheure: Sie überqueren mit Kanus oder Flößen mehr als 80 Kilometer offenes Meer. So erreichen die ersten Seefahrer vor 55000 Jahren Australien, einen seltsamen Kontinent mit exotischen Tieren. Mythen, Felszeichnungen und Gesänge helfen ihnen, diese Welt zu deuten und sich darin zu orientieren

 

Das Ritual beginnt mit einer Wanderung. Hunderte Kilometer marschieren die Aborigenes, die Ureinwohner Australiens, über rostrote Sandebenen und suchen nach Farbpigmenten: In Minen des Landes graben sie nach Ockererde, in Bergen nach bunten Quarzen und Kristallen, die sie zu Pulver zermalen. So wertvoll sind manche Stoffe, dass die Männer wohl sogar ihre schärfsten Schneidwerkzeuge dafür eintauschen.

Die Aborigenes zerstoßen das Mineral Glaukonit zu grünblauem Steinmehl, gebrannten Gips und die Porzellanerde Kaolin zu weißen Körnchen. Um schwarzes Pulver zu erhalten, zerstampfen sie die korkartige Rindes eines Silberbaumgewächses oder die Holzkohle eines Lagerfeuers. Sie zerbröckeln die seltene gelbe Tonerde und den aus eisenhaltigem Limonitkiesel gebrannten hellroten Ocker.

Dann träufeln sie Wasser in die Pulverhäufchen. Mischen Wachs und Honig der wilden Biene dazu und binden so die Pigmente zu einer Paste. Zuweilen nehmen sie auch das Dotterweiß aus dem Ei einer Wasserschildkröte. Oder den gelantineartigen Saft eines Orchideenbaumes.

So erhalten sie jene Farben, von denen sie sich erzählen, dass die Erschaffer der Welt sie ihnen hinterlassen haben: Gelb, Rot, Schwarz, Weiß; die Farben der Sterne, des Blutes, der Erde.

Mit diesen Pigmenten übermalen sie frühere Kunstwerke oder frischen immer wieder ihre jahrzehntausendealten Felsbilder auf. Auf diese Weise bewahren sie viele der darin enthaltenen Mythen und das Denken ihrer Vorfahren über alle Zeiten hinweg.

Die Menschen breiten die angerührten Farbpasten auf einer Steinfläche aus. Tauchen mal einzelne Finger, mal die ganze Handfläche hinein. Strich für Strich bringen sie die verwitterten Felsbilder zum Leuchten. Für feine Linien greifen sie zu einem Pinsel, der aus den Fasern eines Palmblattes gebunden ist. Breitere Striche malen sie mit einem Stift aus Eukalytusrinde, dessen Spitze sie zerkaut haben.

Es ist ein spirituelles Ritual. Die uralten Bilder erzählen von der Tjukurpa, der Schöpfungszeit, als mächtige Ahnenwesen auf ihrem Weg über das Land die Berge und Täler geformt haben.

Und indem sie die Bilder mit Farbe versehen, schauen sie zurück in jene früheste Epoche. Sie war in der Vorstellung der Ureinwohner zwar vorbei, nicht aber vergangen; die Mythen gelten für immer, bergen ein ewiges Wissen über das Sein. Die europäischen Eroberer werden die Tjukurpa später als „Traumzeit“ bezeichnen und das Sichversenken darin als „Träumen“.

In diesem Sinne malen die Aborigenes träumend - bis sich gewaltige Riesenschlangen wieder an den Felsen entlangwinden. Und mehr als zwei Meter große Kängurus auf Höhlenwänden umherspringen: seltsame Tiere, deren Herz, Lungen und Knochen sichtbar sind, als wären sie von Röntgenstrahlen durchleuchtet. Anderswo erscheinen an Felswänden mundlose, blasse Gestalten mit einer Art Heiligenschein um den Kopf.

Es sind unheimliche Wesen wie aus einer anderen Welt - und uralte Spuren mythischen Denkens auf dem abgeschiedenen Fünften Kontinent...

 

... die ganze Geschichte in GEOkompakt Nr. 24

welterob 150