William Cody war Pferdedieb und Stadtgründer, Goldsucher, Rinderhirte und Kundschafter der Kavallerie. Er hat gegen Indianer gekämpft und im Bürgerkrieg die Südstaatler ausgespäht. Er war, so erzählt er, Postkurier und ist jeden Tag 180 Kilometer geritten. Doch bekannt wurde er als „Buffalo Bill“, der erfolgreichste Bisonjäger des 19. Jahrhunderts. Er hat Großfürst Alexis von Russland in einer Kutsche in den Great Plains umhergefahren. Und eine Zeit lang ist er mit dem Indianerhäuptling Sitting Bull in den Theatern von New York und Chicago aufgetreten.

Schon zu Lebzeiten wurden seine Abenteuer in mehr als 500 Groschenheften erzählt. Wirklich berühmt wurde William Cody, als er die größte Show seiner Zeit aufzog: Mehr als eine Million Menschen dürfte die „Buffalo Bill Show“ gesehen haben, darunter der deutsche Kaiser Wilhelm II., dem man eine Zigarette aus der Hand schoss. Selbst im Vatikan wurde Codys Truppe aus Cowboys und Indianern empfangen, und in Venedig fuhr man sie in Gondeln durch die Kanäle.

Unvergessen ist dieser William Cody. Schließlich machte er mit seiner Show den Song „Star Spangled Banner“ populär, der es zur Nationalhymne der USA brachte. Später hießen die Helden in Dutzenden Filmen Buffalo Bill, und noch heute ist ein Yorker Football-Verein nach ihm benannt. Selbst im Disneyland Paris ist sein Erbe gegenwärtig: Seit zwei Jahrzehnten wird fast täglich ein Remake seiner Show aufgeführt. So mächtig ist der Kult um seine Person bis heute, dass der Name „Buffalo Bill“ im Kinofilm „Das Schweigen der Lämmer“ als Pseudonym für einen Serienmörder herhalten kann, der seine Opfer häutet.

Viele Legenden spinnen sich um William Cody. Die meisten sind wahr. Andere hat er selbst in die Welt gesetzt, aber für einen Großteil kann er nichts. Dass seine Familie einem uralten englischen Königsgeschlecht entstammt, wie von der Schwester behauptet, das stimmt ganz sicher nicht.

Sein erstes großes Abenteuer erlebt William Cody mit sieben Jahren: 1853 reist die Familie mit einer Kutsche und drei Planwagen von Iowa aus gen Westen. Er reitet täglich voraus, erkundet das Gelände und sucht abends einen Lagerplatz. William Fredrick Cody, geboren am 25. Februar 1846, ist das vierte von acht Kindern. Seine Vorfahren sind im 17. Jahrhundert aus England angekommen.

Am Ende der Reise landet die Familie nun in Kansas im Mittleren Westen, wo der Vater Isaac Cody in der Nähe von Fort Leavenworth eine Farm errichtet. Mit elf Jahren heuert William Cody bei einer Transportgesellschaft an. Der Vater ist kurz zuvor gestorben, und als ältester Sohn muss sich William nun um die Familie kümmern. Weil er sich als geschickter Reiter erweist und mit dem Lasso umgehen kann, darf er eine Rinderherde nach Nebraska führen. Er ist am Ende des Trecks eingesetzt und muss aufpassen, dass kein Tier zurückbleibt. 35 Meilen vor dem Ziel greifen Indianer an und töten drei Cowboys. William erschießt einen Angreifer und wird daraufhin in Zeitungen als „jüngster Indianertöter der Prärie“ gefeiert.

1859 wird in Colorado Gold gefunden. Der mittlerweile 13-Jährige macht sich auf nach Auraria (heute Denver). Zwei Monate lang wäscht er Schlamm und Sand, dann kehrt er zur Familie zurück – ohne Gold.

Monate später, im März 1860, baut die Transportgesellschaft einen Pony-Express auf: einen Postdienst quer durch den Westen der USA. In Anzeigen heißt es: „Junge, magere, drahtige Burschen, nicht über 18 Jahre alt, gesucht! Müssen erfahrene Reiter sein, die gewillt sind, täglich den Tod zu riskieren. Waisen bevorzugt! Lohn 25 Dollar die Woche.“ Die Strecke führt über 3200 Kilometer und ist in 190 Stationen unterteilt, an denen die Pferde gewechselt werden. Nicht länger als zehn Tage brauchen Briefe für den Weg durch Prärien, Gebirge, Wüsten, Wälder.

Ob William Cody tatsächlich als Kurier arbeitet, ist umstritten. Historiker finden keine Belege. Er selbst berichtet, dass er am North-Platte-River im Zentrum des Landes eingesetzt ist. Täglich muss er durch den fast einen Kilometer breiten und flachen Fluss reiten. Nur einmal kommt er angeblich zu spät: Ein Bandit wollte ihn überfallen, wurde niedergeritten und als Gefangener zur nächsten Station gebracht. Nach 19 Monaten schließt der Pony-Express. Denn zwischen West und Ost ist nun eine Telegrafenleitung gespannt.

Seit einem Jahr, seit 1860, regiert da bereits Präsident Abraham Lincoln. Im Streit über die Sklaverei sind binnen Monaten sieben Südstaaten aus der Union ausgeschieden. Auch in Kansas streiten Gegner und Befürworter erbarmungslos. Einem Gesetz zufolge, dem Kansas-Nebraska-Act, obliegt es den Bürgern im Bundesstaat, sich für oder gegen die Sklaverei auszusprechen. Doch vor Ort toben seit Jahren brutale Konflikte. Schon der Vater, ein Gegner der Sklaverei, wurde einst mit einem Messer angegriffen und an der Lunge verletzt. William Cody schließt sich einer Gang an, Sklavenhalter zu überfallen und Pferde zu stehlen. „Wäre nicht meine Mutter gewesen“, schreibt er, „wäre auch ich wohl in meinen Stiefeln gestorben.“ Sie hatte ihn gedrängt, die Gruppe zu verlassen und lieber die Schule zu besuchen.

Im November 1863 stirbt die Mutter Mary Ann. William Cody besäuft sich zwei Monate lang mit Whiskey, dann, als er 18 Jahre alt ist, meldet er sich zur Armee. Seine Einheit wird bald darauf im Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten eingesetzt. William Cody muss in Mississippi die feindlichen Truppen des Südens ausspähen. Er ist viel zu talentiert, um nach dem kurzen Krieg nicht gleich wieder eine neue Arbeit zu finden: Ab 1867 ist er bei der Kansas Pacific Railway angestellt, die eine Bahntrasse quer durch die USA zieht. Um die Versorgung von Tausenden Arbeitern zu sichern, ist Cody als einer unter vielen Jägern verpflichtet, täglich zwölf Bisons zu schießen.

Mitte des 19. Jahrhunderts streifen noch Millionen dieser tonnenschweren Tiere durch die Prärie. „Das Land wimmelte vor Bisons“, berichtet Cody begeistert. Sein Lieblingsgewehr ist ein Springfield, dem er den Spitznamen „Lucretia Borgia“ gibt – nach einem Mitglied der italienischen Borgia-Sippe, die während der Renaissance ihre Widersacher umgebracht haben, um an die Macht zu gelangen. Cody wird bald „Buffalo Killer“ genannt. Und als er dann noch einen Wettkampf gewinnt und an einem Tag 69 Bisons erlegt, erhält er den Namen „Buffalo Bill". „Während meines Vertrages mit der Eisenbahngesellschaft als Jäger", prahlt er, „tötete ich 4280 Bisons“ – in nicht mehr als 17 Monaten.

Mit der Eisenbahn verändert sich der Wilde Westen: Neue Siedler kommen, die in die Territorien der Indianer vordringen. Sie rotten ganze Familien aus und lassen sich von keinem Vertrag aufhalten, der zwischen den Ureinwohnern und der Regierung in Washington besteht. William Cody, der nun wieder bei der Armee ist, muss oft ausrücken, um die Indianer auszukundschaften.

Es ist eine unscheinbare Begegnung im Jahr 1869, die sein Leben verändert und seine Existenz als Showmaster ermöglicht. Er trifft Ned Buntline, einen Schriftsteller aus New York, der einen blauen Militärrock und zwanzig Medaillen trägt. Der Künstlername Buntline kaschiert, dass er Deserteur, Mörder und Aufwiegler ist. Doch er ist auch ein brillanter Fabulierer. Und er erkennt, dass Buffalo Bill zu einem Helden taugt, der sich der großstädtischen Leserschaft bestens verkaufen lässt.

Zurück an der Ostküste schreibt Buntline Stories für Zeitungen und verfasst mit den Jahren Hunderte Groschenhefte über Buffalo Bill. Dieser amerikanische Karl May schafft einen Mythos, an dem wenig stimmt, aber von dem William Cody letztlich profitiert. Buntline selbst wird in dieser Zeit zum wohl reichsten Schriftsteller Amerikas – ehe er im Alter überschuldet stirbt.

Seine erste Show organisiert William Cody eher zufällig 1872. Großfürst Alexis von Russland besucht die USA und möchte die Prärie sehen. Cody soll den Besuch vorbereiten. Als oberster Kundschafter des 5. Kavallerie-Regiments bittet er befreundete Sioux, ihre Zelte nahe „Camp Alexis“ aufzuschlagen. Sie sollen den Großfürsten mit Kriegstänzen beeindrucken. Vor Ort bittet er den Fürsten in eine Kutsche und rast mit ihm über die Prärie. Schließlich wird eine Jagd veranstaltet: Alexis reitet auf Codys gezähmten Pferd und erschießt einen Bison.

Kurz darauf reist William Cody nach New York. Buntline hat ein Drama geschrieben, das im Bowery Theater gezeigt wird: „König der Grenzer“. Das Stück ist banal, aber ein Erfolg. Doch Buntline spekuliert auf mehr: Er will, dass Cody die Hauptrolle spielt und bietet Hunderte Dollar für eine Saison. Es wäre der Hit: Eine Legende spielt sich selbst.

Cody ziert sich. Erst Wochen später gibt er nach. Mitte Dezember 1872 steht er in Chicago auf der Bühne und wird zum Star der Arbeiterklasse. „Ich bin kein Schauspieler“, sagt er einem Reporter, „ich bin ein Star.“ Jeder Schauspieler könne ein Star werden, aber nicht jeder Star ein Schauspieler. Über die Stücke, in denen er mitspielt, urteilt er verächtlich: „ohne Kopf und Fuß“. Aber er beobachtet, wie sehr Schießpulver, Schaukämpfe und Indianergeheul das Publikum verzücken. Nach einem halben Jahr hat er rund 6000 Dollar verdient. Mehr als jemals zuvor in so kurzer Zeit. Allerdings hat Buntline, den er bereits für einen raffgierigen Hochstapler hält, 360000 Dollar eingenommen.

Ohnehin träumt Cody längst von einer Show ganz anderer Art. Er will das Leben im Wilden Westen beschwören, das es bald nicht mehr geben wird: Bisonjagden, Überfälle auf Postkutschen, Kämpfe mit Indianern. Nicht Schauspieler sollen auftreten, sondern Menschen, die all dies erlebt haben.

Am 17. Mai 1883 ist die erste Auffühung der „Buffalo Bill's Wild West Show“ in Omaha, Nebraska. Eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte beginnt. Buffalo Bill reitet, winkt mit dem Hut, schießt auf Glas, das durch die Luft fliegt, und galoppiert, um eine Postkutsche zu retten. Und immer wieder kommt er im Theater Momente zu spät, um General Custer beizustehen.

Custer und seine Soldaten wurden im Jahr zuvor am Little Bighorn von Indianerhäuptling Sitting Bull und seinen Kriegern vernichtend geschlagen. Cody zog anschließend mit einer Gruppe Soldaten zum War Bonnet Creek, wo er auf Indianer traf, die an der Schlacht gegen Custer beteiligt waren. Um Vergeltung zu üben, erschoss Cody den Unterhäuptling Yellow Hair. Er skalpierte ihn und rief: „Der erste Skalp für Custer!“ Die Szene spielt er nun in seiner Show nach.

1885 gelingt Cody ein besonderer Clou: Sitting Bull lässt sich für eine Tour durch die USA engagieren – der „rote Napoleon“, wie Blätter schreiben. „Feinde 1876 – Freunde 1885“ steht in den Programmheften. Mancherorts wird der Häuptling ausgebuht, an anderen Spielstätten beklatscht. Zum Abschied schenkt Cody dem Häuptling ein Pferd und einen Sombrero. „Die weißen Männer sind so zahlreich, dass die Toten unter ihnen gar nicht vermisst würden, selbst wenn jeder Indianer bei jedem Schritt, den er machte, einen Weißen tötete“, sagt der Indianer. „Ich gehe zurück und erzähle meinem Volk, was ich gesehen habe. Es wird nie wieder den Kriegspfad beschreiten.“

Am 21. März 1887 schifft sich die Truppe in Richtung Europa ein: William Cody ist mit seiner Show zur Feier des Regierungsjubiläums von Queen Victoria eingeladen. An Bord gehen mehr als 200 Menschen, darunter 97 Indianer, ferner 180 Pferde, 18 Bisons, zehn Maultiere, zehn Elche, fünf Rinder, vier Esel, zwei Hirsche. Der Stippvisite folgt 1889 eine Tournee: Paris, Marseille, Barcelona, Neapel. In Rom wird die Showtruppe von Papst Leo XIII. empfangen. Die Indianer halten den weiß gekleideten Geistlichen für einen mächtigen Medizinmann. Sie spielen in der Arena von Verona und kommen über Innsbruck nach München.

Tausende bestellen Eintrittskarten telegrafisch vor. 18 Tage lang sind die Ränge auf der Theresienwiese ausverkauft. Neben der Show lädt Cody zur Besichtigung des Lagerlebens ein (was ihn von der Vergnügungssteuer befreit, denn er befriedigt unter anderem dadurch ein „höheres wissenschaftliches Interesse“, wie es in einem Gutachten heißt).

Und täglich kommen Münchner zu einer Art Frühstück mit Grillfleisch: „Wer hätte sich's als Eingeborener der gemüthlichen und oft mehr als gerade nöthig zahmen Isarstadt träumen lassen, daß er einst auf dem grünen Rasen der Theresienwiese im Zeltschatten mit dem großen Indianerhäuptling Rockey Bear, dem ‚Medizinmann' der Sioux und Colonel W. F. Cody (...) frühstücken werde“, schreibt die Zeitung Münchner Neueste Nachrichten.

Immer wieder begegnen die Münchner den Mitgliedern der Show. „Indianer von Buffalo Bill's Gesellschaft ‚Wild West' durchwanderten heute im Laufe des Vormittags in kleinen Gruppen zu zwei und drei Mann die Stadt und erregten in ihrer bunten, malerischen Gewandung allgemeines Aufsehen“, berichtet die Zeitung. Und weiter: „Sie besuchten verschiedene Läden und machten Einkäufe in Cigarren und Tabak. Bei dem Thierausstopfer Hensel am Karlsthor kauften sie Adlerfedern.“

Die Buffalo-Bill-Show gastiert auch am Ku'damm in Berlin. Die Zeitungen künden ihn als „Büffel-Wilhelm“ an. Und Kaiser Wilhelm II. sorgt für eine Sensation: Er zündet sich eine Zigarette an und wünscht, dass die Scharfschützin des Ensembles, Annie Oakley, ihm den Glimmstengel aus dem Mund schießt. Tatsächlich hat sie dem Kaiser die Zigarette dann aus der Hand geschossen. Angeblich soll sie nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs dem Monarchen einen Brief geschrieben haben, in dem sie „um einen zweiten Schuss“ bat.

Die Showtruppe reist weiter nach Dresden, Leipzig, Bonn, Koblenz, Frankfurt und Stuttgart. Dreißig Eisenbahnwaggons braucht der Tross, um von Ort zu Ort zu reisen. Mitte Juli 1890 kampiert die Show in Braunschweig. Und wie überall werden auch hier Zuschauerrekorde erzielt: 13634 Gäste am 16. Juli, 15937 am folgenden Tag, dann 18316, 18536, 17743 und 12000 am 21. Juli. Letztlich könnte jeder Braunschweiger das Stück gesehen haben.

Unterdessen verschwindet in den USA das Land seiner Kindheit. Die Bisonherden sind fast vernichtet und die Indianer in Reservaten eingesperrt, wo sie um 1890 zum „Geistertanz“ aufrufen: Ein Gerücht geht um, dass ein neuer Messias kommt, der die Weißen vertreibt. Für manche gilt Sitting Bull als verantwortlich. Als er Mitte Dezember 1890 bei seiner Verhaftung ermordet wird, beginnt plötzlich sein Pferd – das Geschenk von Cody – zum Knall der tödlichen Schüsse zu tanzen. Wie bei der Show. Oder ist, wie manche vermuten, der Geist von Sitting Bull in das Pferd gefahren?

1904 hat William Cody seine Show zu einer globalen Völkerschau ausgebaut: mit Zuaven aus Algerien, Tscherkessen aus dem Kaukasus und argentinischen Gauchos. Ferner Widerstandskämpfer aus Kuba und von den Philippinen sowie Chinesen, die sich im Boxerkrieg bewährt haben. Er tourt unentwegt und ist ein Gefangener des Showbiz. Weil er das Geld braucht, um ruinöse Spekulationen und Stadtgründungen wettzumachen. Und wohl auch, um den Streit mit seiner Frau und den Tod von vier Kindern zu verdrängen.

Anfang 1917, er ist sechzig Jahre alt, liegt er schwerkrank im Haus seiner Schwester in Denver, Colorado. Er lässt einen Pater rufen und bekennt sich zur römisch-katholischen Kirche. Am 10. Januar kommen Freunde und Familie zu seinem Bett. Als Letztes, berichten sie, habe er gesagt: „Let my show go on!“ Dann versagen die Nieren.

Zur Totenfeier schickt König Georg V. von England ein Beileidsschreiben, ebenso Kaiser Wilhelm II. und US-Präsident Woodrow Wilson. Auch Indianer trauern: „Ihr sollt wissen, dass das Volk der Sioux in Buffalo Bill einen guten und treuen Freund gefunden hatte. Unser Herz ist schwer von Trauer über seinen Verlust. Nur ein Trost bleibt uns: der Gedanke, dass wir uns eines Tages vor Wakatanka, vor unserem Schöpfer in den Ewigen Jagdgründen, wiedersehen.“

 

Erschienen in P.M. History im Februar 2014