Von Stolipinowo nach Dortmund, aus der Armut in die Prostitution und Tagelöhnerei: Wie die Europäische Union ein bulgarisches Plattenbau-Getto und ein deutsches Gründerzeitviertel zu Nachbarn machte.


Selected Contributions des European Journalism Prize Writing for CEE 2012 

„Du musst an dein Schicksal glauben, und du brauchst gute Schuhe, sonst hast du keine Chance. Wenn du fremd bist in einer Stadt, musst du viel laufen. Jeden Tag zwanzig, dreißig Kilometer durch die Straßen. Du musst mit den Augen schauen und die Leute in den Cafés ansprechen. Du wirst hunderte Male abgewiesen, aber du darfst nicht aufgeben. Irgendwann kennen dich die Menschen und vertrauen dir. Bis dahin ist es ein Kampf.“

Der das sagt, ist Oktay, 21 Jahre alt, der Name stammt aus dem Türkischen und bedeutet starker, tapferer Mond. Es ist das Pseudonym, das er sich gewählt hat. Vergangenen Herbst bricht er mit seiner 16jährigen Freundin und dem Baby aus Plowdiw in Bulgarien auf, wo er sich als Bäcker selbständig gemacht hatte und gescheitert war. Sie verkaufen die Möbel, packen die Koffer und nehmen den Bus. Die Reise führt nach Dortmund, in eine, wie sie sicher sind, bessere Welt.

Ihre Fahrt beginnt im Morgengrauen und endet am Abend des folgenden Tages. Sie führt von der östlichen Peripherie ins Zentrum der Europäischen Union. Seitdem Bulgarien vor fünf Jahren in die EU aufgenommen wurde, sind Hunderttausende nach Westeuropa ausgewandert. Viele gingen in Städte, in denen sie jemanden kannten, Verwandte, Freunde, frühere Nachbarn, deren Erzählungen sie vertrauten. So entstanden im Westen Brückenköpfe des Ostens. Seither entscheidet sich das Schicksal der EU nicht mehr in Brüssel, Berlin oder Paris, sondern in Stadtvierteln wie der Dortmunder Nordstadt.

Als Oktay und seine Freundin mit dem Baby aus dem Bus steigen, folgen sie einfach den anderen Reisenden, die mit ihren Rollkoffern vorausmarschieren. ...

 

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