Bericht einer Recherche: Erich Loest war einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Viele Jahre lang wurde er von der Staatssicherheit überwacht, zuweilen sogar noch nach seiner Übersiedelung in den Westen. Schon kurz nach dem Fall der Mauer kam er, wie auch immer, an einen großen Teil der Akten, die er in dem Buch Die Stasi war mein Eckermann veröffentlichte. Darin finden sich auch die Klarnamen der Hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter, die ihn und seine Familie einst in Leipzig überwachen ließen. Während Loest ehemalige enge Bekannte, die als Inoffizielle Mitarbeiter gearbeitet hatten, zur Rede stellte, traf er keinen der Hauptamtlichen Mitarbeiter. Sie waren nicht mehr auffindbar.

Vor einigen Monaten habe ich mich auf die Suche nach dem Mann gemacht, den Loest in seinem Buch als Hauptüberwacher bezeichnete und mit Nachnamen benannte. Wer war dieser Mann, wie dachte und lebte er, und wie sieht er heute seine frühere Arbeit für die DDR? Es ist schwer, mit Stasi-Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Man kann nicht einfach googlen und irgendwo anrufen. Überhaupt ist fast unmöglich, Kontakt zu ehemaligen Hauptamtlichen Stasi-Mitarbeitern zu bekommen. Von den einst 2401 Mitarbeitern der Bezirksstelle Leipzig ist heute keiner mehr auffindbar. Weder Gespräche in der Leipziger Stasi-Unterlagen-Behörde noch im Museum in der Runden Ecke, im Zeithistorischen Forum oder mit einem Pfarrer, der nach 89 einen Gesprächskreis mit Opfern und Tätern leitete, führten weiter. Kein Stasi-Mann hatte sich je gegenüber Opfern, Zeitzeugen oder Institutionen zu erkennen gegeben.

Im Netz stieß ich nach einiger Suche dann doch auf Kontakte zu drei ehemaligen Hauptamtlichen, deren Klarnamen sich unter anderem auf Schautafeln im Museum an der Runden Ecke finden: Manfred Hummitzsch, der ehemalige Leipziger Bezirksleiter, verstorben kurz vor Beginn meiner Recherche, sowie zwei weitere einst leitende Mitarbeiter, bei deren Namensnennung man heute aus juristischen Gründen vorsichtig sein muss. Sie antworteten zwar auf E-Mails, sagten aber nichts und wollten - auch fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR - auf keinen Fall ein Treffen. Als ich einen trotzdem in seinem Büro aufsuchte, fand nur Geplauder statt. Nicht einmal der Stasi-Interessenverband MfS-Insider, dem es um bessere Renten und gesellschaftliche Anerkennung geht, wollte mit mir über die frühere Arbeit sprechen. Mit der "Systempresse" von P.M. History werde niemand sprechen, hieß es. Immerhin wurde ich auf autobiografische Texte aufmerksam gemacht, die auf der Internetseite des Verbandes verlinkt sind.

Ich konnte die Geschichte über Loests Überwacher trotzdem schreiben: Denn die Staatssicherheit legte nicht nur Akten über ihre Opfer, sondern auch über ihre Mitarbeiter an. Die sogenannte Kaderakte von Loests Hauptüberwacher umfasst rund sechshundert Seiten. Sie enthält neben dem Lebenslauf samt Foto, diverse Zeugnisse, Berichte, auch eine Liste mit Medaillen und Geldprämien. Zudem fand sich in der Akte Loest ein handschriftlich verfasster Bericht. Die Leipziger Grafologin Irene Altmann analysierte die Handschrift analysiert und entwarf ein Charakterbild. Mein Text ist unter dem Titel Ab 7.50 Uhr ist Ruhe im Objekt erschienen, P.M. History, Juli 2017.

 


 

 

Nichts bleibt wie es ist. Im Alltag ist das so und im Berufsleben ohnehin. Immerzu entwickeln sich neue Formate. Eine der neuesten journalistischen Spielformen nennt sich Reporter Slam, offenbar ein Ableger des Science Slams, der wiederum ein Kind des Poetry Slams sein dürfte. Beim Reporter Slam stehen Journalisten auf der Bühne und berichten von einer besonderen Recherche, die in diesem Fall natürlich gerne unterhaltsam, mithin lustig sein darf.

Wovon also erzählen? Von meiner Tramptour über den Balkan? Die ließe sich gut bebildern. Oder von einer Recherche in der Dortmunder Nordstadt? Dürfte vermutlich zu ernst sein. Auch wenn ich die Nordstadt im Gegensatz zu vielen Kollegen nicht als hoffnungsloses Notstandsgebiet ansehe. Aber das ist ein anderes Thema.

Auf der Bühne habe ich dann von einer Geschichte aus Ghana erzählt, die sich für mich bis heute in Form bizarrer Nachrichten fortspinnt, was an dieser Stelle nicht ausgeführt wird. Man hätte halt in der Moritzbastei in Leipzig dabei sein müssen. Dort habe ich einige Nachrichten aus der Rubrik Hate Poetry (noch so ein Ableger des Poetry Slams) vorgelesen.

In der Geschichte ging es um ein ziemlich ungewöhnliches und durchaus schräges Hotel: das Rising Phoenix in Accra. Ein Ort, an dem sich all diejenigen treffen, die es sonst nirgends mehr aushalten: der Goldminenbesitzer Tariq aus den Arabischen Emiraten, der Schlangenhändler Jeff aus den USA, der einstige Boxer und heutige Türsteher Agompion, der in Old Accra noch immer von seinen Fans erkannt wird, ferner Rastafaris und Akrobaten. Und natürlich der Besitzer, ein Engländer, der zehn Jahre lang bei Baghwan lebte und nun von einem Hotel träumt, an dem Menschen aus Afrika, Europa und Indien ein Stück weit der Erleuchtung näher kommen sollen.

Ich hatte Fotos dabei, an denen ich mich während des Vortrags entlanghangeln konnte, was recht hilfreich war. Denn auf einer Bühne befindet sich ein Printjournalist nun einmal nicht in seinem alltäglichen Habitat. Wie alle Slammer hatte ich genau zehn Minuten Zeit, dann drückte jemand im Publikum auf eine Tröte. Aus, Schluss, geschafft!

Vielen Dank an Jochen Markett von realsatire.de für die Einladung und an Andi Weiland für das Foto. Vielleicht etabliert sich das Format ja tatsächlich bundesweit als regelmäßiges Event. Es ist sicher nicht die schlechteste Idee in Zeiten, in denen man Lügenpresse-Schreiern etwas entgegnen muss.

 


 

Ich war eigentlich auf der Suche nach Informationen über eine Phantominsel namens Kantia. Meinen Recherchen zufolge hatte der Schweizer Journalist Samuel Herzog im Jahr 2004 einen Artikel über diese Insel verfasst. Im Netz stieß ich nun jedoch auf eine merkwürdige Internetseite.

Samuel Herzog wird dort nicht nur als Journalist, sondern auch als Gründer und Geschäftsführer von Hoio vorgestellt. Das Unternehmen präsentiert sich auf www.hoio.ch als "Erster Importeur für Gewürze der fiktiven Insel Santa Lemusa".

Über meine Phantominsel Kantia war auf der Seite zwar nicht viel zu lesen, aber ich verlor mich rasch in einem Netz aus fantastsischen Geschichten: Sie handeln von antiken Mythen, der ersten Einwanderung, von einer Indigofabrik und vor allem von der Wiederentdeckung der mittelalterlichen lemusischen Küche. Man findet auf der Seite auch viele Fotos von leckeren Gerichten.

Eine Parallelwelt tat sich vor mir auf, so wie man sie sonst aus Computerspielen kennt. Aber diese lässt sich, wie ich bei einem Treffen mit Herzog erfuhr, live erleben. Denn regelmäßig werden auf Kochevents die neuesten Kreationen von der Karibikinsel Santa Lemusa vorgeführt.

Übrigens: Auch zu Kantia konnte er mir noch einiges erzählen. Aber das steht in meinem "Lexikon der Phantominseln", im mareverlag erschienen.

Der Text über das Kochhappening mit Samuel Herzog ist in mare No 119 erschienen und steht mittlerweile online: Eine fabelhafte Küche.

 


 

Natürlich hatte ich als Kind einen Globus. Eines Tages stand er im Zimmer, das ich mir mit meinem Bruder teilte. Mein Vater zeigte uns Australien und Südamerika. Und er sagte: Wir sollten den Globus vorsichtig behandeln. Vor allem nicht zu schnell drehen. Abends schalteten wir ihn ein, sodass er schön bunt leuchtete.

Irgendwann entdeckten wir Kinder, dass sich am Äquator ein Klebestreifen löste. Wir zogen daran und plötzlich lagen zwei Hälften vor uns: die nördliche Hemisphäre und die südliche.

Für meine Recherche über die Magellanstraße besuchte ich kürzlich das Historische Museum in Frankfurt, um den Globus von Johannes Schöner zu betrachten. Er ist von 1515, zählt zu den ersten überhaupt und steht sicher hinter Glas. Man kann ihn deshalb nicht anfassen und nicht kaputtmachen.

Auch dieser Globus besteht, wie vor wenigen Jahren herausgefunden wurde, aus zwei Hälften. Würde man an einem Klebestreifen ziehen können, wären allerdings nicht Norden und Süden getrennt, sondern eher West und Ost. Von diesem Globus erzähle ich in einem Text für die Zeitschrift mare, Ausgabe No. 111 - mittlerweile auch online: Das Geheimnis des Entdeckers.

 


 

Im Mai 2011 recherchierte ich für ein Porträt des Konzeptkünstlers Ruppe Koselleck, der mit einer ausgefallenen Idee die Übernahme des Ölmultis BP betreibt. Ich besuchte ihn in seinem Atelier, das in einem Speichergebäude am Münsteraner Stadthafen liegt.

Mehrere Künstler haben dort ihre Ateliers. Ich war von Koselleck so angetan, dass ich wissen wollte, welche anderen "Aktivisten" es in der Ateliergemeinschaft gebe, möglichst politische. Ich glaubte, dass man über Künstler, die einen gesellschaftspolitischen Anspruch verfolgen besonders schreiben könne.

Sie betreiben keine l'art pour l'art, sondern müssen eine künstlerische Strategie verfolgen, um etwas in der Gesellschaft zu verändern. Und wer etwas verändern will, der hat eine Geschichte zu erzählen. So stellte ich mir das vor.

Koselleck führte mich also im Speichergebäude herum. Es war nicht viel los, aber ich lernte Thomas Wrede kennen. In seinem Atelier standen lauter Spielzeuge von Modelleisenbahnen herum, an den Wänden hingen hyperrealistische Fotografien von Landschaften, die es so eigentlich nicht geben konnte.

Offenbar war Wrede kein politischer Künstler, zumindest nicht vordergründig. Aber Wredes Bilder - es handelt sich um eine Art von Miniaturlandschaften - begeisterten mich, und auch eine gewisse Unsicherheit des Künstlers empfand ich als fast schon rührend und einnehmend. Man hört ihm zu, ist still, schaut, fragt wieder nach - etwa, warum auf einer Folie Tausende bebeizte Streichhölzer liegen.

Wrede erzählte von Vorbereitungen für eine neue Fotografie, von Skizzen und Modellen und monatelangen Überlegungen. Alles für eine Fotografie. Welch eine Detailversessenheit, dachte ich, auch das ist doch eine Geschichte.

Erschienen ist meine Reportage im Magazin mare No. 96; auf mare.de findet sich Textauszug von Nach der Katastrophe.