Ich war eigentlich auf der Suche nach Informationen über eine Phantominsel namens Kantia. Meinen Recherchen zufolge hatte der Schweizer Journalist Samuel Herzog im Jahr 2004 einen Artikel über diese Insel verfasst. Im Netz stieß ich nun jedoch auf eine merkwürdige Internetseite.

Samuel Herzog wird dort nicht nur als Journalist, sondern auch als Gründer und Geschäftsführer von Hoio vorgestellt. Das Unternehmen präsentiert sich auf www.hoio.ch als "Erster Importeur für Gewürze der fiktiven Insel Santa Lemusa".

Über meine Phantominsel Kantia war auf der Seite zwar nicht viel zu lesen, aber ich verlor mich rasch in einem Netz aus fantastsischen Geschichten: Sie handeln von antiken Mythen, der ersten Einwanderung, von einer Indigofabrik und vor allem von der Wiederentdeckung der mittelalterlichen lemusischen Küche. Man findet auf der Seite auch viele Fotos von leckeren Gerichten.

Eine Parallelwelt tat sich vor mir auf, so wie man sie sonst aus Computerspielen kennt. Aber diese lässt sich, wie ich bei einem Treffen mit Herzog erfuhr, live erleben. Denn regelmäßig werden auf Kochevents die neuesten Kreationen von der Karibikinsel Santa Lemusa vorgeführt.

Übrigens: Auch zu Kantia konnte er mir noch einiges erzählen. Aber das steht in meinem "Lexikon der Phantominseln", im mareverlag erschienen.

Der Text über das Kochhappening mit Samuel Herzog ist in mare No 119 erschienen und steht mittlerweile online: Eine fabelhafte Küche.


 

Natürlich hatte ich als Kind einen Globus. Eines Tages stand er im Zimmer, das ich mir mit meinem Bruder teilte. Mein Vater zeigte uns Australien und Südamerika. Und er sagte: Wir sollten den Globus vorsichtig behandeln. Vor allem nicht zu schnell drehen. Abends schalteten wir ihn ein, sodass er schön bunt leuchtete.

Irgendwann entdeckten wir Kinder, dass sich am Äquator ein Klebestreifen löste. Wir zogen daran und plötzlich lagen zwei Hälften vor uns: die nördliche Hemisphäre und die südliche.

Für meine Recherche über die Magellanstraße besuchte ich kürzlich das Historische Museum in Frankfurt, um den Globus von Johannes Schöner zu betrachten. Er ist von 1515, zählt zu den ersten überhaupt und steht sicher hinter Glas. Man kann ihn deshalb nicht anfassen und nicht kaputtmachen.

Auch dieser Globus besteht, wie vor wenigen Jahren herausgefunden wurde, aus zwei Hälften. Würde man an einem Klebestreifen ziehen können, wären allerdings nicht Norden und Süden getrennt, sondern eher West und Ost. Von diesem Globus erzähle ich in einem Text für die Zeitschrift mare, Ausgabe No. 111 - mittlerweile auch online: Das Geheimnis des Entdeckers.

 


 

Im Mai 2011 recherchierte ich für ein Porträt des Konzeptkünstlers Ruppe Koselleck, der mit einer ausgefallenen Idee die Übernahme des Ölmultis BP betreibt. Ich besuchte ihn in seinem Atelier, das in einem Speichergebäude am Münsteraner Stadthafen liegt.

Mehrere Künstler haben dort ihre Ateliers. Ich war von Koselleck so angetan, dass ich wissen wollte, welche anderen "Aktivisten" es in der Ateliergemeinschaft gebe, möglichst politische. Ich glaubte, dass man über Künstler, die einen gesellschaftspolitischen Anspruch verfolgen besonders schreiben könne.

Sie betreiben keine l'art pour l'art, sondern müssen eine künstlerische Strategie verfolgen, um etwas in der Gesellschaft zu verändern. Und wer etwas verändern will, der hat eine Geschichte zu erzählen. So stellte ich mir das vor.

Koselleck führte mich also im Speichergebäude herum. Es war nicht viel los, aber ich lernte Thomas Wrede kennen. In seinem Atelier standen lauter Spielzeuge von Modelleisenbahnen herum, an den Wänden hingen hyperrealistische Fotografien von Landschaften, die es so eigentlich nicht geben konnte.

Offenbar war Wrede kein politischer Künstler, zumindest nicht vordergründig. Aber Wredes Bilder - es handelt sich um eine Art von Miniaturlandschaften - begeisterten mich, und auch eine gewisse Unsicherheit des Künstlers empfand ich als fast schon rührend und einnehmend. Man hört ihm zu, ist still, schaut, fragt wieder nach - etwa, warum auf einer Folie Tausende bebeizte Streichhölzer liegen.

Wrede erzählte von Vorbereitungen für eine neue Fotografie, von Skizzen und Modellen und monatelangen Überlegungen. Alles für eine Fotografie. Welch eine Detailversessenheit, dachte ich, auch das ist doch eine Geschichte.

Erschienen ist meine Reportage im Magazin mare No. 96; auf mare.de findet sich Textauszug von Nach der Katastrophe.