Sträucher statt Stacheldraht, Solarzellen statt Suchscheinwerfer. Wie zwei Lehrer aus Ost und West einen Grenzturm in ein Zentrum für Naturschutz verwandelt haben.

 

Erschienen in natur, Januar 2013

 

Marian Przybilla steigt die steile Trittleiter im einstigen Grenzturm der DDR hinauf, eine Metallstange dient als Geländer. Er öffnet eine Klappe und klettert ins Zwischengeschoss; bis zum Fall der Mauer 1989 war hier der Bereitschaftsraum für die Wachsoldaten. Es gab Schießscharten, Spindschränke und Doppelbetten. Przybilla schaltet das Licht an: Ein kleiner Ofen steht jetzt da, ein Bett und ein Regal mit Dutzenden von Büchern zur Vogelkunde und Pflanzenbestimmung. Noch eine Treppe, er drückt die zweite Klappe auf und ist oben, im Ausguck der „Führungsstelle Bergfelde“, wie dieser Turm nördlich von Berlin zu DDR-Zeiten genannt wurde.

Damals bewachten von hier aus immer zwei Soldaten Hunderte Meter innerdeutsche Grenze, den kahlen, sandigen Abschnitt zwischen dem Westberliner Stadtteil Frohnau und der brandenburgischen Gemeinde Hohen Neuendorf. Nachts erhellten Leuchtmasten entlang des Grenzzauns und der riesige Suchscheinwerfer auf dem Dach des Turms die Gegend. Während des Kalten Krieges wurden auf diesem Teil des Todesstreifens vier Menschen bei ihrem Versuch zu fliehen erschossen.

Es ist ein Tag im Oktober 2012, kühl und wolkenverhangen. Draußen, auf dem einstigen baumlosen Grenzstreifen, wachsen längst Erlen, Kiefern, Eschen. Nur noch vom Dach des Turmes, aus neun Metern Höhe, lässt sich über sie hinwegschauen. Von Jahr zu Jahr verschwindet der Turm mehr im Wald und wird eins mit der Natur. Nur noch vage lässt sich der Grenzverlauf erahnen.

Und viel faszinierender als die Suche nach den Spuren der Geschichte ist ohnehin der Blick auf das, was seit dem Fall der Mauer rund um den Turm geschaffen wurde: Da sind Kräutergärten und Bienenwände, wilde Kräuterwiesen, eine Schilf-Kläranlage, eine Streuobstwiese und ein „Unkrautzoo“. Ein einzigartiges Refugium ist entstanden und ein Ort der Umweltbildung, an dem Jugendliche lernen, seltene Pflanzen zu bestimmen und Biotope anzulegen.

Jetzt kommt auch Helga Garduhn die Trittleiter hinaufgestiegen. Momente später sitzt sie neben Przybilla auf einer Holzbank: der Biologielehrer aus dem Westen und die Biologielehrerin aus dem Osten, zwei Weggefährten in Sachen Naturschutz. In der Wendezeit haben sie sich kennengelernt und die „Führungsstelle Bergfelde“ in einen „Naturschutzturm“ verwandelt, ein Monument der Gewalt in eine Stätte der Natur und des Friedens. Ihre Interpretation der Redewendung „Schwerter zu Pflugscharen“.

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Wie es zu diesem lebendigen Ort auf dem Todesstreifen kommen konnte, will Helga Garduhn jetzt erzählen. Ihre Geschichte ist ein Plädoyer für Standhaftigkeit – ganz gleich, in welchem Staat und in welcher Zeit man lebt. Niemand anderes als Garduhn und Przybilla hätten den Grenzturm wohl vor dem Abriss retten können. Schließlich sind von den 302 Türmen um Berlin herum lediglich vier stehengeblieben.

Zurück in eine andere Zeit: Ende der 70er Jahre arbeitet Garduhn als Lehrerin in der DDR. Sie unterrichtet Biologie an einer Erweiterten Oberschule in Oranienburg. Einmal die Woche lädt sie knapp ein Dutzend Schüler zu sich nach Hause ein. Man bestimmt Farne und harkt Orchideenwiesen, trifft sich im Keller der Lehrerin. Dort verfasst man gemeinsam „Fluchblätter“: Es geht um die Verschmutzung der Elbe oder das Waldsterben. Sie zimmern auch zwei große Vitrinen, in denen sie mit Objekten und Malereien auf bedrohte Tierarten aufmerksam machen. Eine Vitrine stellen sie am S-Bahnhof auf, die zweite an der Schule. „Meine Ökokekis“, sagt Helga Garduhn, meine Ökokellerkinder. Heute lacht sie. „Ökokekis“, das klingt unschuldig und unbedarft und doch rebellisch. „Ich habe mir meine eigene Naturschutzjugend herangezogen“, sagt sie. Man könnte auch sagen: Im Keller von Helga Garduhn liegt einer der Ursprünge der ostdeutschen Umweltbewegung.

Von der Schulleitung heißt es damals: Die Garduhn, die spinnt. Und sie sei ja noch nicht mal Mitglied in der Partei! „Man sagte, ich versaue die Jugend mit meinem Naturschutzknall“, erzählt sie. Ohnehin hat sie das Gefühl, dass sie dreimal besser sein muss als alle Kollegen, die in der SED sind. 1982 wird sie degradiert und darf kein Abitur mehr abnehmen. So wächst sie immer mehr in die Rolle der Außenseiterin und der engagierten Naturschützerin hinein.

Als in den 80er Jahren an den Schulen der DDR die „Wissenschaftlich Praktische Arbeit“ eingeführt wird, damit Schüler das Arbeitsleben kennenlernen, entwirft Helga Garduhn ein eigenes Konzept: Sie spricht mit Förstern und erzählt so einnehmend von ihrer Jugendarbeit, dass man ihr in einem nahen Landschaftschutzgebiet einen Bauwagen samt Ofen überlässt. Von nun an können Schüler dort wissenschaftlichpraktische Arbeit absolvieren. „Wir haben auch einen richtigen Bungalow errichtet“, sagt sie. Und Marian Przybilla, der bisher schweigend zugehört hat, wirft ein: „Im Westen würden wir sagen: Holzhütte.“ So ganz will er sich ein Grinsen nicht verkneifen über diese Geschichten aus der DDR.

Przybilla unterrichtet zu jener Zeit Biologie in Westberlin – und tut dies bis heute. In seiner Freizeit leitet er die „Brummbären“, eine Gruppe der Deutschen Waldjugend. Sie pflanzen im Frohnauer Forst seltene Bäume, Wildkirschen beispielsweise. Sie fällen „Protzen“, sieben-, achtjährige Bäume, die den nachwachsenden Bäumen das Licht zum Wachsen nehmen und deshalb weichen müssen.

Im Dezember 1989 fährt Przybilla zu einem Treffen von ostdeutschen Naturschützern. Er hat in einer Ökozeitschrift gelesen, dass sie sich am Müggelsee in Ostberlin verabredet haben. Dort erzählt man ihm von einer Waldschule und von einer legendären Biologielehrerin. Sie lebe nahe Oranienburg und arbeite mit Jugendlichen in einem Landschaftsschutzgebiet. „Oranienburg“, sagt Przybilla, „hatte ich noch nie gehört.“ Am 1. Mai 1990 besucht er das Landschaftsschutzgebiet namens Briesetal. Er trifft Naturschützer. Man isst aus einer Gulaschkanone der Nationalen Volksarmee. Jeder hat von der Lehrerin gehört, aber die Adresse hat niemand parat. Erst auf einer Liste von Naturschützern steht ihr Name: Garduhn, Helga.

Ende Mai 1990 treffen sie sich zum ersten Mal. „Eine verrückte Frau, relativ sympathisch“, beschreibt Marian Przybilla heute das erste Treffen. Und Garduhn erwidert: „Das hat er noch nie gesagt, in den ganzen 22 Jahren nicht.“ Aber sie kennt ja ihren Mitstreiter.

grenzgnger jedwab 04 600Als das Land vereinigt wird, muss Helga Garduhn aus ihrem Haus. Westdeutsche reklamieren es als Besitz. Sie verliert damit auch den Keller. Bekannte erzählen ihr von einem Grenzturm, der leer stehe. Als sie ihn sieht, denkt sie: „Der wäre groß genug.“ Dann geht alles schnell: Sie nimmt Kontakt zu dem noch existenten Grenzregiment auf und erhält binnen Tagen eine Urkunde für den Turm, unterschrieben von „Major Kuntze, Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik“. Mit ihrem neuen Bekannten Marian Przybilla trifft sie sich am Turm; auf der sandigen Piste des früheren Todesstreifens. Gemeinsam planen sie nichts Geringeres, als die Naturschützer in Ost und West zu vereinigen.

Für die beiden beginnen Jahre der Ungewissheit. Garduhn besitzt zwar eine Urkunde für den Turm, aber was gilt die Unterschrift eines Majors einer abgewickelten Armee? „Die  Schenkungsurkunde kannst du vergessen“, sagt Przybilla voraus. Er selbst organisiert im Westen Spenden und Gelder, damit der Turm zu einer Umweltbildungsstätte ausgebaut werden kann. 1992 erfolgt tatsächlich der Auftrag, den Wachturm abzureißen. Erteilt von einer der sieben Behörden, die mit dem Abbau der Grenzanlagen beschäftigt sind. Vorerst hat Helga Garduhn Glück. Sie kennt den Oberst, der den Auftrag ausführen soll. Die Töchter waren in einer Klasse. Er wird zu ihrem Komplizen. Mal erklärt er seinen Vorgesetzten, der Bagger sei kaputt, ein anderes Mal, der Baggerführer sei krank.

„Du musst zum Ministerialrat nach Straußberg“, redet Przybilla auf seine Mitstreiterin ein, dorthin, wo die Nationale Volksarmee ihr Hauptquartier hatte. Also greift sich Garduhn Zeitungsausschnitte, auf denen ihre „Ökokekis“ beim Pflanzenbestimmen zu sehen sind – und fährt los. „Ich muss den Ministerialrat sprechen“, sagt sie in Straußberg und gelangt bis ins Vorzimmer. Vier Stunden hockt sie da, ihre Mappe mit den Fotos auf dem Schoß.

Es ist acht Uhr abends, als sich die Zimmertür öffnet. „Wo ist die Frau, die sich nicht vertreiben lässt?“, habe der Ministerialrat gefragt. Sie legt ihm ihre Fotos auf den Schreibtisch und stellt eine Frage, die sie sich in den vergangenen Stunden ausgedacht hat: „Sind Sie nicht auch Großvater?“ Und schiebt hinterher: „Die Kinder müssen raus in den Wald.“ Er: „Wie soll ich ein Schriftstück aufsetzen? Meine Sekretärin ist nicht mehr da.“ Sie: „Sie können doch schreiben.“ Er zieht eine Schublade auf, holt ein Blatt Papier heraus, steckt es in seine Schreibmaschine und tippt die Urkunde.

In der Dunkelheit fährt Helga Garduhn nach Hause, erleichtert und doch ängstlich. Denn ob das Grundstück zu halten ist, steht trotzdem aus. 4000 Quadratmeter ist es groß – aber nichts ist kartiert, keine Grenzen, keine Wege. Gutachter müssen bestellt und bezahlt werden. Ohne das Geld, das Przybilla aufgetrieben hat, wäre das nicht möglich gewesen. Erst 1994 steht endlich alles im Grundbuch. Da hatten die beiden Unbeirrbaren längst angefangen, auf dem Grenzstreifen und ihrem Grundstück Bäume zu pflanzen, 80 000 werden es schließlich sein. Sie legen Gärten an, bauen eine Regenwurmkiste und Totholzhaufen für Käfer und Igel. Auf dem Turmdach werden Solarzellen angebracht – genau an jener Stelle, wo zuvor die Suchscheinwerfer standen. Im Innern mauern sie die Schießscharten zu. Sie bauen im Erdgeschoss, wo es eine Arrestzelle und Wirtschaftsräume gab, ein Ökoklo, eine Miniküche und einen Schalterraum für die Solaranlage. In die frühere Waffenkammer im Keller montieren sie einen Kessel für Brunnenwasser, das sie in 16 Metern Tiefe gewinnen. Und die Bunker, die es auf dem Grundstück gibt, werden zu Lagern für Schubkarren und Gartengeräte. Irgendwann sollen dort Fledermäuse ihre Kolonien gründen.

grenzgnger jedwab 03 600Wenn heute Schulklassen zu Besuch kommen, zeigt Marian Przybilla den Kindern, wie man Vogelschutzhecken anlegt. Manchmal schickt er sie los, einen Baum zu suchen, der so alt ist wie sie selbst. Dann schauen sie verdutzt, sodass er ihnen den Trick verraten muss: „Immer wenn ein Kranz von Ästen aus dem Stamm in alle Richtungen wächst, ist wieder ein Jahr vergangen.“ Längst stehen auch Erinnerungstafeln für die vier erschossenen Flüchtlinge, es gibt „Insektenhotels“, und ein „Hochzeitswald“ wächst heran: Am Tag der Hochzeit können die Frischvermählten einen Baum pflanzen, der sie durch ihr gemeinsames Leben begleiten soll. Sie müssen sich nur auf einen Baum einigen, der in dieser Region wächst, einen Bergahorn oder einen Wacholder, eine Sandbirke oder eine Elsbeere. Franz Müntefering hat sich mit seiner zweiten Frau für eine Wildkirsche entschieden.

Mit der Zeit haben die zwei Standhaften, Marian Przybilla und Helga Garduhn, Preise, Ehrungen und längst auch Bundesverdienstkreuze erhalten. Der Naturschutzturm ist mittlerweile als Denkmal eingetragen. Er gehört heute der Deutschen Waldjugend. Und so sehr ihre Aktivitäten von der Politik auch  anerkannt sind, liegen in ihrem Naturschutzturm doch weiterhin Unterschriftenlisten aus. Derzeit sammeln sie für eine Petition gegen eine Bundesstraße, die durch den Wald gelegt werden soll.